Urheberrecht vs. freies Internet
Hier nun der versprochene Bericht über das Urheberrechtspodium im Münchner Justizministerium.
Die Veranstaltung begann mit einem Impulsreferat der Justizministerin Beate Merk. Nach dem einleitenden Statement zum „Rohstoff Geist“ (eine seltsame Metapher, vergleiche Flyer Urheberrecht vs. freies Internet) musste ich aufhorchen: Die Ministerin sprach sich nicht nur für eine Reform des Urheberrechts aus (offenbar sogar für die Erwägung einer Kulturflatrate), sondern auch gegen Massenabmahnungen. Zwar liegt das alles in der Gesetzgebungskompetenz des Bundes, aber solche Töne von einer konservativen Ministerin lassen doch hoffen, dass Einsicht einkehren könnte. Dann begann die Podiumsdiskussion: Oliver Berben sagte, es ginge nicht um Urheberrecht vs. freies Internet, sondern um Urheberrecht vs. kostenfreies Internet (Kostenloskultur … wissen schon!). Viel mehr Substantielles kam von ihm nicht mehr. Er geriet etwas in Streit mit mir, was nur daran lag, dass er das Konzept der Kulturwertmark nicht verstanden hat. Sehr wohl verstanden haben es aber die anderen Podiumsmitglieder und auch ein Zuhörer, der mich nachher ansprach, nämlich Prof. Jürgen Becker von der ZPÜ: Er hielt das Konzept für erwägenswert.
Aber der Reihe nach: Oliver Süme vom Eco – Verband der deutschen Internetwirtschaft sprach sich auch ganz klar für ein freies Internet aus (s.u.); Dr. Matthias Lausen, Geschäftsführer des Instituts für Urheber- und Medienrecht wollte diese Freiheit nur für persönliche Daten gelten lassen, nicht für Waren: Der Warenverkauf dürfe nicht anonym sein. Wie man im Netz ohne Deep Packet Inspection „Daten-Waren“ von privaten Daten unterscheiden könne, ließ er dabei offen. Später in der Diskussion forderte er beim Vorgehen gegen Urheberrechtsverletzungen die Mitarbeit der Provider und auch deren Haftung. Klar, dass Oliver Süme das natürlich sofort ablehnte.
Privatkopie, Fair Use
Der offensichtlich gut informierte Moderator verwies auf meinen Blogeintrag zu dieser Veranstaltung, in dem ich schrieb, dass ich mit lauter Lobbyisten auf dem Podium sitzen werde. Natürlich hat er Recht, dass auch ich Lobbying betreibe, wenn ich mich für Konzepte des CCC einsetze. Ich wies also auf die Notwendigkeit der Privatkopie hin, die eben im Zeitalter des ubiquitären Computerns überall möglich ist – über das Internet und von Gerät zu Gerät – und forderte eine Öffnungsklausel im Urheberrecht, die – im Sinne von Fair Use – die Umsetzung neuer Ideen ermöglicht. Der Vertreter der GEMA Alexander Wolf erläuterte sodann, warum die GEMA bei neuen Geschäftsideen keine Möglichkeiten habe zu helfen, und forderte an der Stelle auch Neuregelungen. Alle seine Redebeiträge warben um Verständnis für die Lage der GEMA. Der Letzte in der Runde war Thorsten Schliesche von napster. Sein Kernanliegen war es aufzuzeigen, dass es die legalen Angebote schwieriger hätten als die illegalen, verbunden mit der Forderung, dass die Politik es den legalen Anbieter leichter machen solle.
Kulturwertmark
Der Moderator leitete dann über zur Kulturflatrate. Schnell wurde klar, dass mit dem Erforschen des Nutzerverhaltens Datenschutzprobleme oder gar eine Überwachungsstruktur drohen könnte. Ich erläuterte daraufhin das Kulturwertmark-Modell. Obwohl ich ausdrücklich gesagt hatte, dass es dabei um die Legalität der Privatkopie im Netz geht, wurde teilweise missverstanden, dass die Kulturwertmark so etwas wie eine generelle Alternative zum Verkauf von Filmen, Musik und elektronischen Büchern über das Internet sein sollte. Ich musste also noch einmal betonen, dass das nicht gemeint ist. Wolf (GEMA) ließ sich zu der Äußerung hinreißen, dass die Internetprovider mehr Geld durch illegale Downloads verdienen als durch legale, was natürlich eine Nebelkerze ist, denn die Provider haben ja keinen Einfluss auf die Inhalte und sollten den auch nicht haben. Der Urheberrechtler Lausen brachte den wiederholt gehörten Vergleich mit einer Bäckerei, die gegen eine andere konkurrieren müsse, die Brötchen verschenke. Süme konterte, dass legale Angebote attraktiver sein können und müssen als illegale.
Massenabmahnungen
Das nächste Thema waren die leidigen Abmahnungen. Ich wies noch einmal darauf hin, dass die Ministerin ja eine klare Position gegen massenhaftes Abmahnen vertreten hatte. Der GEMA-Vertreter sprang auf den Zug auf und sagte, es sei besser gegen illegale Plattformen vorzugehen, als Endnutzer abzumahnen. Von rechts von mir (Berben oder Lauser, vermutlich Letzterer) wurde mir dann durch Zwischenruf vorgeworfen, wer keine Abmahnungen wolle, sei auch gegen die Steuerfahndung, was ich als polemisch qualifizierte und mit dem Hinweis abtat, dass das Geld für Abmahnungen ja nicht in erster Linie den Urhebern, sondern Anwälten zu Gute kommt. Es bestand auf dem Podium allerdings ein weitgehender Konsens in der Ablehnung von Massenabmahnungen (wie gefühlt auch im Saal).
In meinem „Schlussplädoyer“ warb ich noch mal für die Privatkopie und für Fair Use, das heißt: auf jeden Fall für mehr Urheberrechtsschranken als weniger. Ich wies dabei darauf hin, dass der Wegfall der öffentlichen Zugänglichmachung für Unterricht und Forschung (§52a UrhG) zum Jahresende zu großen Problemen an Schulen und Universitäten führen wird. Auch die anderen warben noch einmal für ihre Position, bevor man zum Büffet überging. Ich glaube (und das zeigten die Nachgespräche), dass ich meine Punkte rüberbringen konnte, jedenfalls kamen sie in der Struktur des Programms alle vor, und es gab entsprechende Rückmeldungen. Mir selbst hat die Veranstaltung allerdings wenig Neues gebracht.
Datenschutztag
In den Kommentaren zu meinem letzten Blogbeitrag hatte mich Conrad Tribble, der US-amerikanische Generalkonsul, zum
Deutsch-Amerikanischen Datenschutztag eingeladen, der gleichzeitig in der Nähe des Justizpalastes stattfand. Dorthin bin ich dann auch noch gegangen. Ich hatte ein anregendes Gespräch mit dem Generalkonsul und ein paar anderen Personen, so dass sich der Abstecher sehr gelohnt hat.
Urheberrecht
Am Donnerstag, 10. Mai 2012 um 10 Uhr werde ich im Münchner Justizpalast auf einem Podium sitzen, auf dem es ums Urheberrecht geht. Dort sitzen außer mir vor allem Lobbyisten. Ich habe mal die Einladung zu dieser Veranstaltung hier beigefügt und werde danach auch darüber berichten. Streaming bzw. Aufzeichnung sind leider nicht vorgesehen, aber vielleicht gibt es da noch eine spontane Lösung. Anmelden kann man sich hier: Forum „Urheberrecht vs. freies Internet – ein unauflösbarer Widerspruch?“ (presse [AT] stmjv.bayern.de). Natürlich kann man sich auch per Fax anmelden.
Meinungsfreiheit, Liquid Democracy und Nazis
Viel wurde in den letzten Tagen geschrieben über die Meinungsfreiheit: was darunter fällt und was nicht mehr und wieviel davon bei den Piraten OK ist und wieviel nicht.
Und ich kann da Marina Weisband voll zustimmen:
Meinungsfreiheit ist ein Gut der Gesellschaft. Juristisch muss der Staat es ertragen, wenn Rechte Zeug reden, das noch legal ist. Aber wir sind eine Partei! Parteien sind nicht stellvertretend für die ganze Gesellschaft oder den ganzen Staat. Parteien sind parteiisch. Parteien sind Zusammenschlüsse von Menschen, die mehr oder weniger ähnlich in ihren Idealen sind. Eine Partei muss nicht alles dulden, was der Staat duldet.
Ich frage mich aber, welche Relevanz die Unterscheidung zwischen “Meinungsfreiheit in der Gesellschaft” und “Meinungsfreiheit in der Partei” in Zukunft noch haben wird, wenn wir Liquid Democracy nicht nur für uns, sondern für die ganze Gesellschaft wollen. Marina formulierte es so:
Wenn alle Menschen liquide Demokratie nutzen, braucht man gar keine Parteien mehr, weder die Piraten noch irgend jemanden sonst. Denn dann ergibt sich aus diesen Delegierten und aus den Bürgern selbst, die selbst abstimmen eine Art Gremium, so dass ein Parlament zusätzlich überflüssig wird. Das ist aber eine Utopie.
Genau, eine Utopie, also noch ganz fern von der Realität. Aber eben doch wünschenswert, ein Ziel also. Und so heißt es auch im Parteiprogramm:
[Es ist] Ziel der Piratenpartei, die direkten und indirekten demokratischen Mitbestimmungsmöglichkeiten jedes Einzelnen zu steigern und die Partizipation jedes einzelnen Mitbürgers an der Demokratie zu fördern.
Und schon jetzt gehen wir mit konkreten Forderungen in diese Richtung:
- Wir wollen mehr direkte Demokratie durch Volksentscheide, so dass Bürger auch ohne Parteien Gesetzesvorschläge einbringen und beschließen können.
- Wir wollen den Zugang zur digitalen Kommunikation und damit die Möglichkeit, weltweit zu publizieren, prinzipiell jedem Bürger garantieren. “Er darf weder dauerhaft noch temporär und weder vollständig noch teilweise unterbunden werden.“
- Manche wie Maha schlagen auch Bürger-Liquids vor, bei denen sich jeder Bürger anmelden darf und Parlamentarier eine “Erklärung abgeben, dass sie die Ergebnisse der Instanz als verbindliche Empfehlungen ansehen”.
Wir haben Angst vor der Unterwanderung unserer offenen Strukturen durch Nazis, wollen aber gleichzeitig möglichst viele dieser Strukturen in der Gesellschaft, also für alle da draußen einführen. Selbst wenn wir also alle Nazis, Rassisten, Sexisten, Ableisten, Homophoben und Transphoben aus der Partei geworfen kriegen, werden sie von außen trotzdem ihre Politik machen können, erleichtert durch die Umsetzung unserer Forderungen. Man könnte fast sagen: Die Nazis brauchen uns gar nicht zu unterwandern, sie brauchen nur zu warten, bis wir unsere Mehr-Demokratie-Ziele erreicht haben.
Wenn wir also “Mehr Demokratie” und Liquid Democracy wirklich in die breite Gesellschaft tragen wollen, müssen wir uns auch Mittel, Strukturen und Kulturen einfallen lassen, mit denen diese dann viel offenere Demokratie auch unter der juristisch erlaubten Meinungsfreiheit bestehen kann.
Wann wollen wir damit anfangen, wenn nicht jetzt?
Was ist hier eigentlich grad los?
- ein verbessertes LiquidFeedback
- einen transparenteren Vorstand
- eine Unterstützung der Debatte über wichtige, noch offene Fragen dieser Partei
und dazu das Backup des Generalsekretärs sein, sowie von Schwan als Schatzmeisterin technisch unterstützen und dann mal sehen, welcher Kleinkram mir noch aufs Auge gedrückt wird. Schön und gut, hübsche überschaubare Aufgaben und ein knorke Team. Läuft. (Wenn ich gewählt werde, da war ja noch was vorher).
Und eigentlich dachte ich, das wir über diese Dinge reden, ob sie sinnvoll sine, wie man sie sinnvoll umsetzt, darüber was der neue Vorstand besser machen muss, was er weiterführen kann und so weiter. Und jetzt reden wir seit fast zwei Wochen nur noch über Nazis, Sexisten und Rassisten in den Piraten und irgendwie ist das tagtägliche Aufzeigen unserer Probleme im Umgang mit den zahlreichen (*hust*) Einzelfällen (*hust* *hust*) massiv vorherrschendes Thema.
Offener Brief der JuPis (gute und wichtige Sache), Relativierung und Abwinken von "oben" (schlechte Sache), dann der Nichtrauswurf von Thiesen. Höhepunkt gestern ein Interviews meines geschätzten Mitbewerbers Kungler mit dem ND, in dem er neben der unsäglichen Relativierung von Nazigewalt sich nicht entblödet als besonders positives Beispiel für unsere Problemlosigkeit herauszustellen, das wir ja ne Jüdin sogar in den Vorstand gewählt haben und das es deswegen keine Kritik gibt und deswegen bei uns alles töfte ist.
Heute dann weiter mit dem Backlash des Wutbriefes von HaSe inkl. Rücktrittsforderung und dem ganzen Programm. Offene Briefe, Offene Antworten, Wikiseiten, Presseberichte und dem übliche "Du bist doof" - "Du aber auch" - "Aber Du hast den Pfad der Demokratie verlassen, älläbätsch"-Spielchen auf Twitter, yadda yadda yadda. Ich bins leid und ich ärgere mich, das ich mich immer noch davon mit anstecken lasse.
Das Thema "Rassisten unter Piraten" ist ein sehr wichtiges und es ist auch wichtig, das wir Einzelfälle nicht unter den Tisch kehren und nicht bagatellisieren und uns nicht mit "Nönö, kein Problem, alles OK, nur die 10% Idioten, unsere Kleinen übertreiben mal wieder und außerdem is unsere Chefin ne Jüdin" aus der Affaire winden. Aber das kann doch nicht plötzlich 100% unserer politischen Aufmerksamkeit erfordern müssen.
Ist es zuviel verlangt, das wir uns mal kurz klar werden, das wir (bis auf eine Handvoll (OK, ne große Hand...) Irre) alle so prinzipiell Nazis und Rassisten Scheiße finden aber das wir in dieser ach so freiheitlichen pluralistischen meinungsfreiheitüberalleshochhaltenden Partei verschiedene Umgangsweisen damit haben und da sowohl eine gewisse "laissez-faire"-Haltung gegen braune Brüder aber auch eine mehr als klare Kante gegen dieselben Brüder mit reinpasst?
Wir können doch nicht Meinungsfreiheit für die Thiesens dieser Partei einfordern, aber dann denen, die sich auf der anderen Seite des parteiinternen Spektrums befinden, genau ihre Meinung ("Nazis sind Scheiße, raus aus meiner Partei") verbieten. Wir können doch nicht bei jedem "Einzelfall" um Verständnis und Dialogbereitschaft und wohlwollende Interpretation bitten, diesen Dialog aber den Pirantifas verweigern.
So gut wie alle haben bisher noch jede Erklärung gegen Nazis, Rassisten etc. unterschrieben, Anträgen zugestimmt usw. Irgendwas muss da doch noch da sein, was uns ein wenig eint. Ja, das Handeln Einiger passt je nach Maßstab nicht zu den hehren Erklärungen und ich finds scheiße, das so viele den Anwendungsbereich von Grundrechten "falsch verstehen", aber mei. Wir sind unterschiedliche Menschen und wir haben unterschiedliche Lösungen und Auffassungen.
Ist es so verdammt schwer, uns wenigstens so weit zu besinnen dass wir uns nicht gegenseitig tagtäglich neue Knüppel zwischen die eigenen Beine werfen, im Kampf darum, wer nun den hübscher glitzernden Stein der Weisen in der Frage "Wie schlimm genau sind Nazis und Rassisten?" erfunden hat? Die einen finden Bodo Thiesen extrem ungeil und möchten ihm die Tür weisen, andere würden "ihr Leben dafür geben, damit er seine Meinung sagen kann".
Keiner von uns hat den Stein der Weisen oder die superdufte Weltformel für diese Partei gefunden (jaja, ich auch nicht). Ja, ich finds auch sehr schwer erträglich, das Bodo mitm Piratenausweis in der Brusttasche unter meine "Klare Kante gegen Nazis"-Ansage die Nazitoten gegen Kriegstote in Afghanistan aufrechnen darf. Das Einzige was mich dabei tröstet, ist die Tatsache, das der Mann in dieser Partei außerhalb seines lokalen Buddydunstkreises nie wieder einen Fuß auf die Erde bekommen wird.
Und ja, es ist schwer dran zu glauben oder zu vermitteln, daß "die bei uns eh keine Chance" haben, wenn dann tagsdrauf doch wieder nen Einzelfall aufpoppt, wo man sich fragt warum nun der nächste Elefant durch den politischen Porzellanladen trampelt. Auf der anderen Seite wäre es sehr knorke, wenn nicht jeder Pirat, der sich über das übliche Maß hinaus antifaschistisch engagiert oder äußert, als "Invers-Nazi" oder das eigentliche Problem tituliert werden würde.
Also können wir dann mal eben alle verdammt tief Luft holen und schauen, obs nicht da hinten in ner Ecke noch ne Handvoll Rest-Gemeinsamkeiten gibt? Irgendwas war auch mit nem neuen Gesetzentwurf zur Vorratsdatenspeicherung (was macht eigentlich die Gruppe 42?) die letzten Tage. Irgendwo ist auch noch Wahlkampf und wir sitzen bald in zwei weiteren Landtagen, hab ich mir sagen lassen.
Können wir mal so langsam diese "Es ist wohl Vollmond, wir müssen alle komplett austicken"-Panik wieder ablegen, kurz nachdenken, was wir hier eigentlich wollen (Nazis gehören übrigens nicht dazu) und uns dann wieder darum kümmern, das wir weiter dieses Land zum Besseren verändern? Gemeinsam? Oder wenigstens nebeneinander?
Geht das?
Wir stehen zweistellig im Bund in Umfragen, das sind mal eben fünf Millionen Menschen, die ihr Vertrauen in uns setzen. Das ist bei aller Unverbindlichkeit von Umfragen eine verdammte Verantwortung die wir da haben, also sollten wir uns mal am Riemen reißen, den Umgang mit unseren braunen Schafen in den Griff kriegen und dann wieder die geile Politik machen, die unsere Antwort auf die Frage "Warum machen wir das eigentlich" ist.
Lieber Hartmut - Wir müssen reden
Lieber Hartmut,
Ich engagiere mich, neben LiquidFeedback und Datenschutz, in und außerhalb der Piratenpartei auch gegen Nazis, Rassisten etc. Meine diesbezügliche Position habe ich mehrfach deutlich gemacht. Nun lese ich in Deinem Blog:
Davon, und vom Rest des Textes, fühle ich mich als jemand, der sich entsprechend, "gegen die Bodos" engagiert und deutlich positioniert hat, mit angesprochen. Gleichzeitig habe ich festgestellt, dass Du mich neuerdings auf Twitter blockst.
Meine Frage an Dich daher: Inwieweit ist für Dich - auch unter Berücksichtigung der aktuellen Beauftragung durch den Vorstand zu den Landesliquids - eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit mir weiterhin vorstellbar, wenn ich mich in obigem Thema so deutlich abweichend von Deinen Vorstellungen positioniere?
-kp
<script type="text/javascript"> var flattr_uid = '16436'; var flattr_tle = 'Lieber Hartmut - Wir müssen reden'; var flattr_dsc = 'Lieber Hartmut, Ich engagiere mich, neben LiquidFeedback und Datenschutz, in und außerhalb der Piratenpartei auch gegen Nazis, Rassisten etc. Meine diesbezügliche Position habe ich mehrfach deutlich gemacht. Nun lese ich in Deinem Blog: "Es sind die \'Rausschmeissen\' und \'wir müssen uns abgrenzen\' immer-wieder-Herunterbeter, die das Naziproblem der Piraten darstellen, nicht die Bodos und Dietmars" Davon, und vom Rest des Textes, fühle ich mich als jemand, der sich entsprechend, "gegen die Bodos" engagiert und deutlich positioniert hat, mit angesprochen. Gleichzeitig habe ich festgestellt, dass Du mich neuerdings auf Twitter blockst. Meine Frage an Dich daher: Inwieweit ist für Dich - auch unter Berücksichtigung der aktuellen Beauftragung durch den Vorstand zu den Landesliquids - eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit mir weiterhin vorstellbar, wenn ich mich in obigem Thema so deutlich abweichend von Deinen Vorstellungen positionier'; var flattr_cat = 'text'; var flattr_lng = 'de_DE'; var flattr_tag = ''; var flattr_url = 'http://tarzun.de/archives/454-Lieber-Hartmut-Wir-muessen-reden.html'; var flattr_btn = 'compact'; </script> <script src="http://api.flattr.com/button/load.js" type="text/javascript"></script>Sind wir uns einig darüber, was rassistisch und sexistisch ist?
Der offene Brief der Jungen Piraten ist zwar schon mehr als eine Woche alt, hat mir aber doch seitdem keine richtige Ruhe gelassen. Wer sich nicht erinnert, worum es ging:
Immer wieder fallen Mitglieder der Partei durch rassistische, sexistische, aber auch anderweitig diskriminierende Aussagen oder Verhaltensweisen auf.
Beim Brainstorming zu diesem Brief wurden einige Beispiele diskriminierender Aussagen und Vorfälle genannt: eine Frau galt als „zu hübsch“, um ernstgenommen zu werden, eine andere „sollte mal richtig hart durchgefickt werden, vielleicht entspannt sie sich dann ja mal“, ein Mitglied war der Meinung, Frauen gehörten nicht auf Stammtische, „ausländerkritisch“ zu sein galt in einer Twitterdiskussion als vollkommen in Ordnung.
[...]
[Es] wird außerdem impliziert, dass Rassismus beabsichtigt sein müsse. Auch diese Argumentation findet sich oft. Sobald eine rassistische (oder auch anderweitig diskriminierende) Aussage kritisiert wird, wird von verschiedenen Seiten angemahnt, nicht vorschnell zu urteilen – es weiß doch niemand, ob die Person „wirklich“ Rassist/-in ist. In dieser Argumentation zeigt sich ein massives Unverständnis gegenüber den Wirkungsmechanismen von Diskriminierung.
[...]
Wir hoffen, dass die Piratenpartei sich klar gegen jegliche Formen der Diskriminierung bekennt – und dass es dabei nicht bei einem Lippenbekenntnis bleibt.
Wo ich total mitgehen kann: persönliche Beleidigungen gehen gar nicht. Wer meint, irgendwer müsse “durchgefickt” werden, ist in diesem Moment ein armer Idiot und muss dass auch schnell und von vielen gesagt kriegen. Das gilt aber auch, wenn jemand einen anderen mit “Du Arschloch” beschimpft – eine Äußerung, die man jedoch schwer als Sexismus oder Rassismus kategorisieren kann.
Und das ist es, wo ich dann nicht sicher bin, ob ich noch mitgehen kann. Wenn sich die Piraten, wie die JuPis fordern, “klar gegen jegliche Formen der Diskriminierung” bekennen – und im Zweifelsfall auch nicht nachfragen sollen, wie eine Aussage gemeint war - sollte ja Einigkeit bestehen, was darunter fällt und was nicht.
Ich würde gern herausfinden, ob diese Einigkeit besteht. Ich hab dazu mal schnell einen Test erstellt: Welche der folgenden Aussagen sind rassistisch oder sexistisch? Tragt Euer persönliches Ergebnis gern als Kommentar ein!
- “Männer und Frauen unterscheiden sich biologisch grundlegend.”
- “Frauen diskutieren oft am Thema vorbei.”
- “Männer dominieren oft in Diskussionen.”
- “Frauen fehlt es oft an logischer Konsistenz.”
- “Männern fehlt es oft an Empathie.”
- “Das mit dem Essen können ja die Frauen machen.”
- “Das mit der Technik können ja die Männer machen.”
- “Frauen sind Schlampen.”
- “Männer sind Schweine.”
- “Wer sich illegal in Deutschland aufhält, sollte abgeschoben werden.”
- “diese unorganisierte polnische Art… “
- “diese pedantische deutsche Art…”
- “Wir müssen mit Nazis auch reden.”
- “Ich werde mich dafür einsetzen, dass Holocaustleugnung als Straftatbestand aufgehoben wird.”
- “Ich bin ausländerkritisch.”
- “Ich bin israelkritisch.”
- “Ich bin amerikakritisch.”
- “Deutschland verrecke.”
- “Eine Frau darf nicht gezwungen werden, von Ausländern gepflegt zu werden.”
- “Eine Frau darf nicht gezwungen werden, von Männern gepflegt zu werden.”
Was macht eigentlich...Bodo Thiesen
Neben dem bangen Warten auf sein Urteil im seit 2009 laufenden Ausschlußverfahren kommentiert er meine (übrigens mittlerweils von 12 weiteren Vorstandskandidat*innen) vorgestrige Ansage wie folgt und rechnet mal eben die knapp 150 von Nazis Ermordeten gegen andere Gestorbene auf:
Wir haben hier in Deutschland eine Errungenschaft, und die nennt sich Rechtsstaat. In einem Rechtsstaat kann ein Mensch nur für das verurteilt werden, was er selbst gemacht hat, nicht für das, was andere die - aus welchem Grund auch immer - zur gleichen Gruppe gezählt werden. Nazis haben 150 Menschen ermordet? Die Politik der CDU (Fortsetzung des völkerrechtswidrigen Angriffskrieges in Afghanistan) hat bereits mindestens 53 Soldaten der Bundeswehr, 3 deutsche Polizisten und rund 142 Menschen beim von deutschen Soldaten angeforderten Bombenangriff am 4. September 2009 das Leben gekostet. Das macht bei mir in Summe 198 getötete Menschen - und das sind nur die, die auf Deutscher Seite oder klar durch Deutsche Beteilgung direkt getöteten, die ich innerhalb von 5 Minuten aus der Wikipedia abschreiben konnte. Weitere tote Menschen, die auf das Konto der Deutschen Politik - also auch auf das Konto der CDU gehen, wird es mit Sicherheit geben - in Afghanistan in an anderen Fällen. »CDU für unsere Demokratie weit gefährlicher ist als Nazis« - bitte nenne mir nur ein einziges Gesetz, dass Nazis, die in dem Zeitpunkt nicht Mitglied in der CDU waren in der BRD (mit) beschlossen haben, das die Demokratie auch nur im Ansatz gefährden könnte. (Quelle)
Und auf der "Aktiven-Mailingliste" gratuliert er Carsten Schulz (das ist der hier), das dieser auf "totalitäre Bestrebungen" innerhalb der Piratenpartei innerhalb der PIRATEN" aufmerksam macht und kürzt dabei den niedersächsischen, sonst mit "NDS" abgekürzten Landesverband mit "NS" ab und bittet darum diese Abkürzung als "als politisch inhaltliche Aussage zu werten" (Links zum Forum erst nach Anmeldung sichtbar).
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Auf einer Mailingliste reagierte einer der Auslöser für meine gestrige Ansage und ich würd meine Antwort gern über die ML hinaus hier im Blog verewigen. Neben vielen anderen Dingen wurde mit
Hier in [...] spielt die NPD keine Rolle. Meist melden die sich nicht mal zur Wahl an. Und ihre Inhalte finden keinen Einfluß in der Gesamtwahrnehmung. Es gibt vielleicht ein paar Spinner die verkorkster Meinung sind. Eine akute Gefahr für die Demokratie sind die nicht.
erklärt, warum man den meine Ansage auslösenden Vergleich machte und die CDU für gefährlicher hält/hielt als die NPD oder Nazis. Meine (fürs Blog leicht redigierte) Antwort:
Bitte versteh, das Euer Städtchen zwar sicher hübsch aber kein Maßstab für die Gefährlichkeit von NPD, Nazis, Rassisten oder sonstigen Menschenfeinden in dieser Gesellschaft ist. In MV gibt es "national befreite" Dörfer (Google: Jamel), in Mittelsachsen müssen Fußballspiele der 7. Liga(!) verlegt werden, weil die Sicherheit vor Nazis nicht gewährleistet werden kann.
Es lässt sich sehr leicht von "Nazis sind kein echtes Problem" reden, wenn "die einzigen Nazis in der Gegend über 70 und in der CDU sind", wie ich schonmal schrieb. Nazis und Rassisten aber *sind* ein gesamtgesellschaftliches Problem und auch wenn es nicht unsere einzige Aufgabe und vielleicht auch nicht die wichtigste ist, ist es dennoch unsere Aufgabe die in Programm, Satzung und anderen Stellen niedergelegten Werte, Ideale und Grundsätze umzusetzen.
Dazu gehört auch, das wir uns eben nicht hinstellen und sagen "Die CDU ist gefährlicher als Nazis" und Nazis damit um mehrere Lichtjahre verharmlosen. Das mag in einem genügend kleinen Kosmos unter Umständen je nach Thema formal zwar nicht völlig falsch sein, die damit gesendete politische Botschaft an Piraten außerhalb dieses glücklichen Klinkerklunkerlandes, Interessenten, Wähler und auch die Medien ist allerdings fatal.
Ich hab in dem Punkt nur eine Bitte: Denkt in eurem lokalen Kontext "was ihr wollt", engagiert Euch gegen die Politik der CDU, macht bessere und geilere Politik, macht was für Euch am Besten ist und passt.
Aber bitte habt die Sensibilität und Empathie, das ihr Piraten aus anderen Gegenden, mit echten Naziproblemen, keine "Nazis sind nicht so schlimm, habt Euch nicht so"-Knüppel zwischen die Beine werft.
Dann wäre schon viel(en) geholfen.
Vielleicht hilft diese, etwas weniger aufgeregte Antwort beim Verständnis meiner Position und warum ich und andere sich immer so aufregen.
UPDATE: Ich habe auf der Mailingliste zu obigen Text eine Antwort erhalten. Der Kernsatz zum Schluß ist
So sollte mein etwas unvorsichtig gesendeter Satz bitte nicht verstanden werden. Dürfte mittlerweile klar sein.
Ich halte das für ein versöhnliches Ende der Debatte mit ihm und danke dem Ursprungsautor, das er die Einsicht aufbrachte, die Problematik seines Vergleichs zu erkennen.
CDU gefährlicher als Nazis? Kurze Durchsage.
Zusätzlich zu den in den letzten Tagen wieder auftauchenden, so schmerzhaft üblichen, rechtsauslegenden "Einzelfälle" (ein Pirat will Holocaustleugnung erlauben, der nächste zeigt Parteifreunde an, weil die sein "die Mehrheit der Juden [will] die gesamte Welt für ihre Interessen opfern" untergut finden) tauchten heute zwei Statements von Piratenvorständen auf, die der Meinung sind, das "CDU für unsere Demokratie weit gefährlicher ist als Nazis".
Also.
Beginn der Durchsage.
Seit 1990 sind knapp 140 Menschen von Nazis ermordet worden. Diese Menschen sind jetzt tot und können nicht mehr Abends nach Hause zu ihren Lieben gehen. Das ist im Vergleich zu vielen Dingen, die einem so das Leben vermiesen können, ne ziemlich endgültige Sache. Ja, wir finden Politik der CDU Scheiße. Ja, wir wollen das anders, besser machen. Aber dennoch: Die CDU zieht nicht durchs Land und ermordet Menschen. Die CDU steht für eine Politik, die wir ablehnen. Aber. Die. Politik. Der. CDU. Ermordet. Keine. Menschen.
Ist das bis hierhin klar?
Ich werde, und das versteht bitte als glasklare Ansage für den Fall meiner Wahl in den Bundesvorstand der Piratenpartei, weiterhin dafür einstehen, das nach außen und innen klar wird, das in der Piratenpartei kein Platz für Nazis, Nazifans, Holocaustleugnungserlaubenwoller, Rassisten, Antisemiten und sonstige Vertreter jeglicher gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit ist und diese Position sowohl nach innen als auch nach außen deutlich vertreten.
Wir haben in Satzung und Programm glasklare und deutliche Positionen gegen Faschismus und Rassismus und ich werde dafür eintreten, das sich das Handeln dieser Partei, ihrer Mitglieder, Beauftragten sowie Amts- und Mandatsträgern daran orientiert und ein entsprechendes Handeln einfordern. Ich werde innerhalb des zur Verfügung stehenden Gestaltungsrahmens mein Möglichstes tun, um menschenfeindlichen Bestrebungen keinen Fußbreit Platz zu lassen.
Wer damit nicht klarkommt, von dem möchte ich nicht gewählt werden.
Ende der Durchsage.
Piraten – der große Sex-Report (Repost)
Prolog: Auf jetzt.de wurde von "alf '@siegstyle' frommer" gestern ein (mäßig witziger, sei es drum) Text eingestellt. Heute morgen wurde er von jetzt.de depubliziert, weil "einer der Abgebildeten" gegenüber jetzt.de "unter Berufung auf das Urheberrecht" meinte, das "dieses Bild zu entfernen" (Zitate: alf frommer, per Mail). Alle Fotos (bis auf eines, welches ich bei meinen Recherchen nicht finden konnte) sind allerdings offenbar Pressefotos oder anderweitig öffentlich zugänglich. Ich veröffentliche den Text bei mir erneut, alle Bilder sind von der Originalquelle "embedded", die Quellen verlinkt und Urheber/Lizenz, wo bekannt, im Gegensatz zum Originalartikel ergänzt.
Piraten – der große Sex-Report
Die Piraten sind die sexieste Partei Deutschlands. Millionen wollen sie wählen und zwar nur wegen der Form und weniger wegen den Inhalten. Sie sind im Grunde die 90-60-90 Blondine unter den politischen Bewegungen (mit dem Hintern): Ziemlich hoher Sex-Appeal, aber sie sollten besser den Mund nicht aufmachen. Einige unter dem Piraten wie „Mister Talkshow 2012“ Christopher Lauer haben dies verstanden: Auf Fragen antworten sie gar nicht. Denn sie wissen: Inhalte sind extrem unsexy. Wer will schon genau wissen, wie das mit der Finanzkrise wirklich funktioniert, oder was man für hässliche Schlecker-Mitarbeiterinnen machen könnte. „Es gibt doch auf RTL2 die Sendung „Extrem schön“ – da können die sich doch jetzt umoperieren lassen“, so ein Parteisprecher, der lieber ungenannt bleiben will.
Kein Wunder, dass nun ein Sexismus-Skandal die Partei erschüttert. Schließlich sind die Piraten bekannt für ihre vielen sehr sehr hübschen Frauen. Und für Männer, die wissen, wie man mit Frauen umgeht. Also den Frauen, die man auf Youporn und anderen Seiten so findet. Zeit also für den großen Sex-Report der Piraten.
(Den Verweis auf das ursprünglich eingebundene Foto habe ich nach einem freundlichen Telefonat und der Schilderung nachvollziehbarer Gründe entfernt. Die Wahrnehmung von Urheber- oder anderer Rechten sind nicht der Grund. Spart Euch den Shitstorm, der Grund ist plausibel und es nicht wert, weiter nachzukarten)
Piraten Menstrip-Gruppe „The Nude Nerds“ vor ihrem legendären Auftritt in der Stadthalle Offenbach.
Ungläubiger Jubel nach der Bekanntgabe, dass ein männlicher Pirat Sex gehabt haben soll. (Bildquelle, (c) DAPD)
Gerwald C64 Brunner

Gerwald macht mit diesem Blick gerne transgeschlechtlich wuschig. (Bildquelle, (c) unbekannt)
Der Johnny Depp der Piraten. Er sagt von sich selbst das er bi-sexuell ist: „So habe ich mehr Chancen sowohl bei Männern, als auch bei Frauen abzublitzen.“ Clever. Neben seiner Tätigkeit als Arbeitsbiene der Berliner Piraten im Abgeordnetenhaus, kuratiert er – fleißig wie eh und je – auch das Steglitzer Körbemuseum in der Maquis-de-Sade-Straße 11. „Ich habe in meinem Leben schon so viele Körbe gesammelt, da wollte ich mal was draus machen.“ Seine Mutter hilft ihm bei der Dekoration. „Sie hat da einfach ein Händchen für, genau wie in meiner Wohnung“, so der Pirat.
Julia Schramm

Würden Sie dieser Frau die Domain www.beate-uhse.ork abkaufen? (Bildquelle, (c) picture alliance / dpa)
Julia hat sich bei den Piraten konsequent raufgeschlafen: „Als ich einpennte lag ich auf dem Sofa, als ich aufwachte in meinem Hochbett“, so die zweitattraktivste Piratin nach Sebastian Nerz. Sie ist die Tochter des Eisläufers Norbert Schramm, daher dreht sie auch gerne privat Pirouetten. „Da wird einem so schön schwindlig.“ Als einer dieser weltverbesserischen Neo-FeministInnen legt sie Wert auf das große „I“: SexIsmus wird bei mir so geschrieben.“ Julia ist extrem organisiert: „Sex habe ich nur an ungeraden Tagen, meine Heilerin meinte, da kann man nicht schwanger werden.“ Da wünschen wir Julia viel Glück mit der Familienplanung.
Michael Hilberer
(im Original verwendetes (dapd-)Bild nicht online gefunden)
Pst! Nicht hupen: Michael träumt von Kati Kramp-Karrenbauer.
Michael war schon immer ein Träumer. „In meiner persönlichen World of Warcraft Version haben sich alle lieb: da knutscht ein Ork auch mal mit einer Hobbit-Frau.“ Er selbst sich mehr als Zauberer: „Gerne würde ich Liebe herbei zaubern, die ist wichtiger als Sex,“ so der saarländische Abgeordnete der Piraten. „Eine Ehe ist wie eine Koalition, manchmal bleibt man auch zusammen, selbst wenn man sich nichts mehr zu sagen hat.“ Für das nächste Jahr hat er sich viel vorgenommen: „Ich würde gerne eine Elbin kennen lernen.“ Unbestätigten Medienberichten nach, soll er schon ein virtuelles Auge auf Kati Kramp-Karrenbauer – Chatname: Galadriel – geworfen haben.
Marina Weisband.

Pin-up-Girl nur bei Pinterest (Bildquelle, Foto: Markus Wächter)
Alle unter die Schreibtische mit den Computer-Arbeitsplätzen: SEXBOMBENALARM! Marina ist die Marylin Monroe der Aufsteiger-Partei. „Also aufsteigen im politischen Sinne, nicht in einem irgendwie anders konnotierten Kontext.“ Der politischen Geschäftsführerin ist es wichtig, dass Sachfragen im Vordergrund stehen und „nicht ihr geiler Arsch“ (Zitat: Pirat der anonym bleiben will). „Sexismus hat in unserer Partei keinen Platz, dafür fehlen einfach die Frauen.“ Überhaupt haben die Piraten Geschlechtertrennungen hinter sich gelassen. „Während des letzten Bundesparteitags in Offenbach war jeden Tag gemischte Sauna.“ Bilder, die man sich gar nicht vorstellen will.
Stephan Urbach

So Fetisch wie er aussieht, ist er gar nicht. (Bildquelle, Photo: Ole Reißmann, Lizenz: CC-BY-NC-SA)
Tzzzzzzzzzzzzz. HOT! Stephan ist der personifizierte arabische Frühling. „Das ist die schönste Jahreszeit, da bekommt man richtig viel Lust – auf transsexuelle Streifenhörnchen“, so freimütig der Mitarbeiter der Berliner Piraten, der zum Bundestag kandidieren will. „Ich will etwas Farbe in den Bundestag bringen, schließlich sitzen da fast nur alte unsexy Typen wie Peter Altmaier rum.“ Stephan „bläst“ zum Angriff: „Nächstes Jahr will ich ein Stephan Urbach Parfüm herausbringen, Duftnote: Arabic Spring. Eines ist ihm wichtig: „Pour Homme und Pour Femme.“
Herr Beck kann nicht schlafen
Kurt Beck kann nicht schlafen und es geht im dreckig. Sagte er dem Kollegen Lauer kürzlich bei Maybrit. Weil er eine ganze Nacht telefonierte und die "Schlecker-Frauen" (jetzt mal ehrlich: da arbeiten doch nicht wirklich ausschließlich Frauen und wie arschloch ist es, dann von "Schlecker-Frauen" zu sprechen?) wegen eines Vetos der FDP doch nicht retten konnte und die jetzt stempeln gehen müssen.
Herr Beck ist Mitglied einer Partei, die in ihrer Regierungsverantwortung die "HartzIV-Gesetze" einführte und Mitglied einer Regierung (Er, stolz: "5x wiedergewählt!") die dem im Bundesrat zustimmte (citation needed, ich bin aber zu faul zum suchen). Herr Beck kann nun nicht schlafen, weil die Schleckerianer nun ALGI beziehen und sich alleine/mit Hilfe des Arbeitsamtes, Verzeihung, der Arbeitsagenturen, neue Jobs suchen müssen.
Lieber Herr Beck: Wo ist denn das Problem? Was ist denn das Schlimmste was den Leuten passieren kann? HartzIV? Haben Sie selber eingeführt, muss doch voll knorke und sozial sein. Und nur gerechtfertigt, das man der ARGE-Mitarbeiterin (ja, es ist hier auch arschloch auf Frauen zu typisieren, aber ich bin so wütend, ich verzichte sogar aufs korrekte Gendering) erklären darf, warum man 3 Monate vor Antragstellung ein Kleindungsstück für 19€ auf eBay vertickte.
Herr Beck. Ich musste mich nackig machen. Vor völlig fremden Personen. Meine damalige Lebensgefährtin (und jetzige Frau) musste nach dem Tod ihrer Mutter und dem Abbruch ihrer Ausbildung während der Schwangerschaft HartzIV beantragen und plötzlich war ich mittendrin. Weil ich der Vater unseres Kindes bin und wir zusammenwohnten. Ich musste auf der ARGE die eBay-Verkäufe meiner alten Fußballtrikots erklären.
Und die Spaßüberweisungen "Für sexuelle Gefälligkeiten". Ich musste meinen Arbeitgeber um eine Gehaltsbescheinigung bitten. Meinen Vermieter um eine Aufstellung von Heiz- und Nebenkosten. Alle wußten plötzlich, das ich plötzlich ein Bittsteller war und Brosamen vom Staat erbettelte. Wissen Sie, was das für ein Gefühl ist? Es ist ein verficktes Scheißgefühl! Und nein: SIE wissen es NICHT.
Und seit Jahren müssen Millionen Menschen sich dieser Erniedrigung aussetzen, die *Sie* mit beschlossen und eingeführt haben (und wenn sie der einzige "SPDler gegen HartzIV" gewesen sein sollten: Mir doch wurscht, mitgehangen, mitgefangen). Und jetzt stellen (ok, setzen) sie sich in ein gemütliches Fernsehstudio und blaffen den schnoddrigen Lauer an, das es ihnen schlecht geht.
Das sollte es auch. Aber nicht wegen der 11.000 Schleckermitarbeiter, die nun in das soziale Netz fallen, da sie aufgespannt haben. Sondern wegen der asozialen Scheißpolitik, die sie zu verantworten haben und die Millionen Menschen Tag für Tag in ihrer persönlichen Freiheit einschränkt, sie stigmatisiert und erniedrigt. Dafür sollte es ihnen schlecht gehen. Tag und Nacht. Und ihren Kollegen, die das alles richtig töfte fanden, gleich mit.
Und wissen sie was? Dinge wie Obiges sind der Grund, warum plötzlich 12% der Leute Piraten wählen wollen. Diese komische Einthemen-Internetpartei ohne Programm. Offenbar reicht es schon, einfach mal ehrlich zu den Leuten zu sein. Und plötzlich würden über fünf Millionen Leute Piraten wählen. Und das, wo wir außer dem eher visionären BGE und den weniger bekannten Änderungswünschen an HartzIV grad in der Sozialpolitik keine "Patentrezepte" haben.
Aber wissen sie noch was? Wenn man ehrlich zu den Leuten ist und sie nicht für dumm verkauft: Dann merken die das und deswegen setzen plötzlich so viele Leute Vertrauen in die Piraten, das selbst denen Angst und Bange ob der plötzlichen Verantwortung wird. Die Leute in diesem Land sind nämlich alles andere als dumm und wenn wir mehr auf sie, statt auf eine sich immer mehr abschottende Kaste von Lobbyisten und "Berufs"-Politikern, hören würden, vielleicht wäre diese Gesellschaft eine bessere, angenehmere solche.
Und, wenn ich einmal grad in Schwung bin: Liebe FDP: Ihr seid genau so Scheiße. Ihr, Politiker von Teenagerbeinen an, nie was anderes gemacht (außer mit Mitte 20 erstmal ne Internetbude mit KfW-Mitteln gegen die Wand gefahren) und jetzt stellt ihr Euch hin und meint, der Markt müsse das regeln und der Staat dürfe da nicht eingreifen. Über Kurt Beck kann mich ja wenigstens noch aufregen. Aber eure neoliberale, marktradikale Scheiße kann mal gepflegt sterben gehen, das isses mir nicht mal wert, drüber zu ranten.
Aber selbst Euch wünsch ich, das ihr kein HartzIV mehr braucht, sondern Euch abseits jeglicher Existenzängsten von der FDP verabschieden könnt und Anschlußverwendungen findet.
Ich möchte eine Gesellschaft, an der jeder angstfrei und bedingungslos teilhaben kann.
Sogar FDPler.
Was will eigentlich Sigmar Gabriels Partnerin?
Was will eigentlich die Partnerin von SPD-Chef Sigmar Gabriel? Möchte sie gern ihr bald erwartetes Kind alleine betreuen? Möchte sie berufstätig sein? Hat sie dazu schon jemand befragt? Aber von vorne:
Sigmar Gabriel wird im April Vater und engagierte Frauen haben ihm dazu gestern einen offenen Brief geschrieben (unterzeichnet u.a. von Gesine Schwan und Anke Domscheit-Berg) und gefragt:
- Wie steht es für Sie als Politiker um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie?
- Werden Sie sich für die Ermöglichung der Elternzeit für Abgeordnete einsetzen?
- Fühlen Sie sich der Doppelbelastung als Vater und Parteivorsitzender gewachsen?
- Trauen Sie sich als frisch gebackener Vater die Leitung des Bundestagswahlkampfes zu?
- Mehr noch: Kann ein junger Vater Kanzler werden?
- Wie schnell werden Sie nach der Geburt Ihres Kindes wieder Ihren Beruf aufnehmen?
- Machen Sie sich Sorgen, dass Ihr Job Begehrlichkeiten weckt, wenn Sie die Berufsarbeit unterbrechen?
Allesamt Fragen, die bislang vor allem berufstätige Frauen gestellt bekommen, wenn sie Mutter werden und weiter arbeiten wollen. Und damit ist den Autoren eine schöne Pointe gelungen: Sie haben den Spieß umgedreht und zeigen durch das Stellen der gleichen Fragen an einen Mann, wie absurd das ist. Wie absurd und respektlos es ist, von jemandem nur aufgrund des Geschlechts eine bestimmte Rolle zu erwarten und bei Nicht-Entsprechung eine öffentliche Rechtfertigung.
Der Brief als reine Satire wäre damit eine schöne Bereicherung für Debatte um Geschlechtergerechtigkeit und die Vereinbarung von Familie und Beruf. Nur – die Autoren wollen nun tatsächlich auch eine Antwort vom SPD-Chef. Mehr noch, sie wollen, dass er offenbar etwas ändert und die Chance ergreift,
das Leitbild einer partnerschaftlichen Familie öffentlich wirksam vorzuleben und ihm damit neue Wege zu bahnen.
Und die Aufforderung sagt ja aus: Aus Sicht der Autoren tut er das bislang nicht. Aber woraus schließen sie das?
Es gibt keinen Hinweis darauf, dass die Autoren vorher mit der werdenden Mutter gesprochen hätten. Es ist auch keine Äußerung von dieser bekannt, sie würde eigentlich lieber berufstätig sein und sich von ihrem Mann wünschen, mehr Zeit für das neue Kind zu haben. Die Autoren wissen nicht, ob Mutter und Vater die Familienplanung partnerschaftlich oder autoritär entschieden haben – und füllen diese Wissenslücke, ohne es zu merken, mit dem Stereotyp des karrierefixierten, egoistischen Mannes und der durchsetzungsschwachen Frau.
Und auch in der Aufforderung, etwas zu ändern, kommt die Mutter nicht vor. Allein Herr Gabriel wird angesprochen, etwas “vorzuleben”, als ob er das allein zu entscheiden hätte und die Mutter ihm natürlich folgen werde. Sorry, aber was für ein Frauenbild wird denn da implizit kommuniziert?
Gut, ich glaube nicht, dass das so gemeint war. Ich glaube durchaus, dass es den Autoren vor allem darum ging, auf die aktuelle, real-existierende Ungleichbehandlung von Männern und Frauen bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf aufmerksam zu machen. Und da haben sie definitiv Recht: Es ist ein Unding, wenn frischgebackene Väter sich meist einfach so für den Vollzeitjob entscheiden können, Mütter aber Vorwürfe gemacht kriegen. Mit dem Brief ist das Thema jetzt breit in den Medien und das ist schön.
Das Problem ist aber nicht, dass von Frauen etwas erwartet wird und von Männern nicht – das Problem ist, dass überhaupt etwas erwartet wird. Und da hilft es nicht, den Quatsch umzudrehen, sondern man muss ganz mit ihm aufhören.
Daher finde ich gerade die Aufforderung so seltsam. Es ist respektlos, von Politikern zu verlangen, irgendwelche Familienleitbilder – seien sie noch so toll und “progressiv” – im Privaten vorzuleben. Gerade Erstunterzeichnerin Julia Schramm hat doch selbst die Erfahrung gemacht, wie doof sich das anfühlt – als ihr öffentlich vergeworfen wurde, ihre Heirats-Entscheidung samt öffentlicher Twitter-Verlobung sei “rückständig”.
Und es ist nicht nur respektlos, es ist übrigens auch so ziemlich das Gegenteil von dem, was die Piratenpartei will:
Aus der geschlechtlichen oder sexuellen Identität bzw. Orientierung darf sich weder ein Vorrecht noch eine Verpflichtung zu einer höheren oder geringeren Einbindung in die Kinderversorgung ergeben. Wir Piraten setzen uns ein für den Abbau noch bestehender gesellschaftlicher Erwartungshaltungen, die eine tatsächlich freie, individuelle Entscheidung verhindern oder erschweren.
Es geht also nicht darum. neue (“bessere”) Erwartungshaltungen zu schaffen; es geht darum, sie ganz abzuschaffen.
Wie das mit dem "Kein Fußbreit" nicht funktioniert.
Jeder hat eine zweite, dritte oder vierte Chance verdient. Selbstverständlich auch Boris T., der vor etwa nem halben Jahr nach einem "Atombombe auf Palästina"-Tweet sein Amt im Münchener Kreisvorstand der Piraten aufgeben musste. Dazu ist aber notwendig, das man den Scheiß aus älteren und jüngern Tagen ablegt. Das man erkennt, wie tief man ins Klo gegriffen hat und durch sein Handeln deutlich macht, das das Teil einer Vergangenheit ist, die man abgelegt hat.
Die Androhung einer Verleumdungsklage gegen "Kritiker" ist da sicher alles andere als hilfreich. Alle Kritiker pauschal als "Trolle" hinzustellen führt nicht dazu, das man jemandem eine Läuterung abnimmt. Boris' Timeline auf Twitter der letzten 24h erst Recht nicht. Die Antifa als "verpeilte antisemitische Fickerschweine" hinzustellen auch nicht. Ebensowenig ist es hilfreich, "Pseudopazifistische Antifa-Scheiße" blöd zu finden, wenn man nicht als Naziarschloch wahrgenommen werden möchte.
Lieber Boris: Ich kenne Dich nicht persönlich, ausser zwei oder drei Sätzen zum Liquid Feedback-Workshop haben wir nicht miteinander gesprochen. Ich weiß nicht wie Du persönlich tickst. Ich kann und will Deine tatsächliche Persönlichkeit nicht beurteilen. Es wäre auch egal, was ich denke. Denn das Bild, was Du selbst von Dir in der Öffentlichkeit zeichnest, ist das Bild eines rassistischen Misanthropen, der hauptsächlich rassistische und rechte Nazi-Kackscheiße produziert.
Es ist völlig egal ob Du das tatsächlich bist, ob Du Dir dessen überhaupt bewußt bist oder es Dir egal ist, ob Du nur "trollen" und provozieren willst oder ob Du nur einfach so empathiefrei bist, das Du nicht merkst, wie Du "rüberkommst": Du wirst vom Rest der Welt als rassistischer Kackscheißer wahrgenommen. Und daran ist genau einer schuld: Du. Du hast offenbar aus dem Fail, der zu Deinem Rücktritt in München führte, nichts gelernt.
Ohne einen glaubhaften und nachvollziehbaren Lernprozess aber wird sich Dein Bild in der Öffentlichkeit nicht ändern und Du mit den Konsequenzen Deiner Handlungen und Deines Auftretens leben müssen. Auch damit, das man dich weiter für ein rassistisches Arschloch hält.
Lieber Landesvorstand Bayern: Mir ist klar, das ihr Boris besser kennt als ich und sicher auch Informationen habt, die mir und dem Rest der nun so wütenden Partei nicht vorliegen. Vielleicht sind die sogar so gut, das Eure Entscheidung letztlich gerechtfertigt sein könnte. Ich weiß es nicht. Und solange ihr uns mit Eurem "Er hats eingesehen und jetzt entschuldigt Euch gefälligst bei dem armen Buben" quasi den nackten Arsch ins Gesicht haltet, wird sich daran auch nichts ändern.
Es ist Eure Aufgabe, diese mehr als unpopuläre Entscheidung zu rechtfertigen. Und das nicht im Rahmen Eures Tätigkeitsberichtes bei der nächsten Wahl, sondern hier und jetzt. Den Mitgliedern Eures Landesverbandes gegenüber, die nun Teil eines "Rassisten-LVs" sind, wie es teilweise heißt. Allen anderen Piraten, die nun plötzlich Mitglied einer Partei sind, die "Rassisten in Ämter" hebt. Das ist eure Bringschuld.
Es ist völlig egal ob die Anschuldigungen gegen Boris völlig oder auch nur annähernd korrekt sind. Es ist auch egal, wenn sie völlig haltlos sind. Sie stehen im Raum und Eure Entscheidung ist daran schuld. Und ihr macht bisher nichts, um das aufzu- und erklären. Klärt das auf. "Er hat es eingesehen" ist keine Aufklärung. "Ich hab nen Blogpost geschrieben" ist keine Aufklärung.
Einen Tag nachdem die Berliner AGH-Fraktion ihre Teilnahme am "Internationalen Tag gegen Rassismus" dazu aufrief, Rassisten entgegen zu treten, twitterte Boris, das er viel lieber "linken [..] Vollpfannen wie euch" entgegentreten wolle. Und zwei Tage später adelt ihr dieses Verhalten mit Eurem Beschluß. Das ist mit "irritierend" wohl noch viel zu diplomatisch umschrieben.
Eure Entscheidung läßt mich ratlos zurück. Entweder fehlt Euch jegliche Empathie für politische Entscheidungen und ihre Auswirkungen, oder es war Euch völlig klar was ihr da tut und ihr habt prinzipienreitend und unpolitisch entschieden, einfach weil es geht, ohne die politischen Implikationen Eurer Entscheidung zu bedenken. Oder es war Euch egal. Oder ihr teilt Boris' Ansichten. Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, welche der Optionen die Schlimmere ist.
Boris hat in den letzten Stunden gezeigt, das er offenbar in keinster Weise verstanden hat wo das Problem liegt und was er ändern muss, damit es dieses Problem nicht mehr gibt. Oder das er es zwar weiß, es ihm schlicht scheißegal ist. Es ist jetzt Eure Aufgabe, die Konsequenzen daraus zu ziehen. Oder mit den Konsequenzen zu leben.
Kein Fußbreit.
Piratenversteher

Die Saarpiraten haben Großes geleistet: sie haben binnen kürzester Zeit einen unerwarteten Wahlkampf organisiert, sind in das Landesparlament des Saarlandes gekommen und haben dabei das prognostizierte Wahlergebnis weit übertroffen. Sie haben auch gezeigt, daß der Erfolg der Piratenpartei in Berlin kein Einzelfall war.
Sie stellen außerdem die politischen Analysten vor ein Rätsel, denn sie sprengen - immer noch! - deren Analyseschema. Haben die Piraten kein Konzept und keine Führungspersonen? Wenn ja, wieso werden sie dann gewählt? Was bedeutet es, wenn unsere Analysen 'zufriedene Protestwähler' zutage fördern? Wieso fühlen sich die Linke und die FDP von den Piraten kopiert - gleichzeitig?
Ein Problem ist das spatial herausgeforderte eindimensionale Rechts-Links-Analyseschema der Analysten.
Es gibt einen sehr hilfreicher Blogartikel von Sammy Zimmermanns, der zwar schon 2 Jahre alt ist, aber im Kern immer noch zutreffend ist. In diesem Schema findet man die bekannte rechts-links-Achse entlang der unteren Kante des Wertedreiecks, aber es wird eine senkrechte Achse restriktiv-libertär hinzugefügt. Betrachtet man die Position der Piratenpartei im eindimensionalen Rechts-Links-Schema, zieht man also eine Linie vom Scheitelpunkt des Dreiecks durch die Piratenpartei auf die Rechts-Links-Grundachse, schneidet man die programmatischen Positionen der SPD, der Grünen und der Linken. Dennoch ist diese Nähe nur eine scheinbare, denn die Piraten sind diesen Parteien sehr fern. Aber das wird nur dann klar, wenn man die mehrdimensionale Sicht 'von oben' auf das Schema hat.
Die Position der Piraten wird umrahmt von einer größeren Position, die im Schema mit 'humanistisch' bezeichnet ist, und die von den Piraten in internen Diskussionen manchmal als den Begriffen Plattformneutralität, Teilhabe oder in anderen verwandten Begriffen benannt wird. Die scheinbar verstreuten bekannten Positionen der Piraten haben sehr viel Sinn und erscheinen sogar geschlossen, wenn man sie von dieser Warte aus betrachtet.
Um Teilhaben zu können, braucht es:
- existentielle Sicherheit, also die Absicherung der Primärbedürfnisse, um die Zeit und Kraft zu haben, die man sich für die Teilhabe nehmen muß.
- Ausbildung, um die Diskussionen und Argumente des politischen oder jedes anderen Prozesses verstehen zu können.
- Visibility, also direkten Zugriff auf die originalen Daten, die den Argumenten zugrunde liegen (und korrekte Metriken),
- Ermächtigung, also Abwesenheit von restriktiven Regeln, Schemata und vorweggenommenen Entscheidungen, und die Anwesenheit eines öffentlichen Raumes, in dem ein Austausch von Argumenten möglich ist.
Unter diesem Gesichtspunkt muß man das BGE, die Fixierung auf Ausbildung, die Liebe zu Open Data und Transparenz, und den Wunsch mit direkteren Demokratieformen zu experimenten interpretieren.
Und dann ist das, was die Piraten da durchzuziehen beginnen, unmittelbar verständlich, konkret und korrekt. Und zwingend notwendig.
Immer mehr Menschen verstehen das - grob gesagt gewinnt die Piratenpartei in den nicht stagnierenden Zonen dieses Diagramms mehr als 100 Personen pro Tag als Mitglieder hinzu, und die meisten dieser Personen sind weitaus jünger als die Mitglieder der im wahrsten Sinne des Wortes "Altparteien". Zur Zeit hat die Piratenpartei mehr als 23.000 Mitglieder, und ist damit die siebtgrößte politische Partei in Deutschland. Auf den nächsten Rängen liegen die Grünen (Position 6: 59.000 Mitglieder), die FDP (Position 5: 63.100 Mitglieder) und die LINKE (Position 4: 69.800 Mitglieder). Es braucht also noch ein Jahr, einen Monat und einen Tag mit diesem Wachstum :-), damit die Piratenpartei in die Regionen dieser Parteien vorstößt. Das ist nicht leicht, aber offensichtlich machbar und nicht ganz unrealistisch.
Die Zahlen im Piratenwiki sind noch in anderer Hinsicht sehr spannend: Sie zeigen, daß die demokratische Basis in Deutschland mit 1.8 Millionen Personen in politischen Parteien gar nicht mal so groß ist. Die Piraten sind auch deswegen spannend, denn es ist ihnen gelungen, mehr als jede andere Partei Nichtwähler zu aktivieren. Oder, wie Felix Neumann es sagt: Spaß und Protest. Das ist neu im System, und die herkömmliche politische Analyse versagt daran.
Versammlungsleitung
Nachdem ich politische Versammlungen beobachtet und selbst auch mehrfach geleitet habe, möchte ich gern ein paar Tipps zusammenstellen, wie man erfolgreich eine Versammlung leitet. Das ist sicher nützlich, da immer mehr Leute in die Situation kommen werden, solche Versammlungen zu leiten. Falls Ihr Erfahrungen habt, fügt sie doch bitte hinzu.
Das Wichtigste bei der Leitung einer großen Versammlung ist ein gewisses Gefühl für die Stimmung. Das wird auch gern als Empathie bezeichnet und ist die wichtigste Eigenschaft für den Versammlungsleiter. Nach kurzer Eingewöhnungszeit gewinnt man sehr schnell ein Gefühl dafür, wie die Versammlung „tickt“. Die Stimmung, die einem entgegenschlägt, sollte man nicht ignorieren.
Hier jetzt ein paar konkrete Punkte
Sitzen machen!
Das Präsidium (also die Versammlungsleiter, ihre Helfer usw.) müssen vorn (am besten erhöht) an einem Tisch sitzen. Das ist sehr wichtig! Leider wurde es auf Bundesparteitagen der Piraten nach dem Parteitag 2009 in Hamburg komplett vernachlässigt, was zu ziemlicher Unruhe und Stress sowohl im Saal wie bei der Versammlungsleitung führte. Daher meine dringende Bitte für das nächste Mal: einfach mal hinsetzen! Der Grund: Unruhe auf der Bühne, insbesondere das Herumgehampel gewisser Leute, überträgt sich natürlich auf die Versammlung. Der Grund sind die berühmten Spiegelneuronen: Die Zuschauer beobachten die Versammlungsleitung, so dass schließlich alle unruhig werden.
Du bist nicht allein!
Ein Versammlungsleiter sollte nie allein agieren: am besten sitzt er am Tisch mit zwei Helfern, von denen einer immer in der Lage ist einzuspringen, und der andere zum Beispiel als Vertreter der Antragskommission die eingehenden Anträge dem amtierenden Versammlungsleiter vorlegt. Wenn es auch noch einen Wahlleiter gibt, sollte er auch immer vorn sitzen, damit er bei Abstimmungen gleich greifbar ist und nicht erst herbeigeholt wird. Außerdem gilt auch für den Wahlleiter der Spiegelneuroneneffekt. Jemand, der nicht ruhig auf seinem Platz bleiben kann, ist eben nicht geeignet.
Sei bereit!
Ein Versammlungsleiter sollte die Geschäfts- und Wahlordnung gut kennen. Am besten hat er immer ein Exemplar vor sich und sollte es natürlich auch vorher gelesen haben. Er sollte zudem wissen, was es mit GO-Anträgen auf sich hat und wie sie funktionieren. Leider ließen sich da in der Vergangenheit immer wieder Unsicherheiten beobachten.
Mach mal Pause!
Eine Versammlung sollte genug Pausen haben. Wenn’s mal ein Durcheinander gibt, ruhig mal eine Pause machen! Idealerweise sollte der Versammlungsleiter ein Gefühl dafür haben, wann eine Pause erforderlich ist. Auf keinen Fall sollte der Versammlungsleiter, ohne die Sitzung unterbrochen zu haben, kleinere Kunstpausen einlegen, um sich zu beraten, um sich vom Publikum abzuwenden oder sonst irgendwie die Versammlung ins Stocken bringen. Nötigenfalls muss er sich halt ablösen lassen.
Selber machen!
Der Versammlungsleiter ist Herr der Versammlung und auch der Geschäftsordnung. Der Satz: „Ich brauche jetzt einen Geschäftsordnungsantrag!“ ist unsinnig, denn der Versammlungsleiter kann selbst die Rednerliste schließen oder eine begrenzte Redezeit festlegen; wenn er das für richtig hält. Wenn die Versammlung anderer Meinung ist, wird sich jemand melden. Dabei sollte er sich von seiner Empathie leiten lassen.
Wer leiten will, muss freundlich sein!
Der Versammlungsleiter sollte sich strikt an die GO halten und unzulässige Abweichungen abweisen. Natürlich immer freundlich, aber bestimmt. Als ultima ratio kann er natürlich mal laut werden, aber sparsam! Es fällt manchmal schwer, gegenüber Versammlungs- und GO-Trollen die Contenance zu wahren, aber das ist sehr wichtig. Es ist besser, noch mal freundlich zu fragen, ob alle abgestimmt haben, und nicht laut herunterzählen! Eine Versammlung ist keine Versteigerung. Wenn jemand zu lange redet, sollte der Versammlungsleiter nicht davor zurückschrecken, ihm das Wort zu entziehen – ungeachtet der Person und wie immer freundlich, aber bestimmt.
Augen auf!
Um ein Gefühl für die Versammlung zu bekommen, sollte man sie nie aus den Augen lassen. Wegdrehen, aufstehen und weggehen (außerhalb der Pausen) geht gar nicht! Leider wird das zu wenig beachtet. Auch dafür ist es hilfreich, vor der Versammlung zu sitzen. Auf das, was in der Versammlung passiert, sollte man reagieren.
Don’t panic!
Wenn es mal brenzlig wird, Ruhe bewahren! Zur Not kann man eine Pause machen.
Heilig, heilig, heilig!
Heilig sind:
- Geschäfts- und Wahlordnung: die sind unbedingt ernst zu nehmen; nötigenfalls muss man sie ändern;
- Tagesordnung: nicht abweichen! Nötigenfalls muss sie geändert werden. Natürlich kann, wenn ein Tagesordnungspunkt begonnen wurde, dieser nicht mehr umgestellt werden. Auch ein Tagesordnungspunkt, der abgeschlossen wurde, ist abgeschlossen. Wenn die Versammlung es will, kann die Tagesordnung natürlich geändert werden (außer bei bereits begonnenen Punkten) und auch abgeschlossene Punkte erneut aufgerufen werden. So etwas sollte aber die Ausnahme sein.
- Rede und Wahlhandlungen: Wenn jemand redet, sind GO-Anträge unzulässig, auch dürfen Diskussionen und Wahlhandlungen nicht vermengt werden. Auch während einer Wahlhandlung sind keine GO-Anträge möglich.
Bedenke das Ende!
Jede Versammlung sollte einen geplanten Endzeitpunkt haben, der nach Möglichkeit eingehalten werden soll. Diesen sollte der Versammlungsleiter im Blick haben. Ausufernde Diskussion sollten bei Zeitmangel vermieden werden, vor allem wenn der Endzeitpunkt überschritten ist, sonst werden am Ende nur noch zufällige Minderheiten entscheiden: diejenigen, die noch da sind, diejenigen, die auch noch zu später Stunde wach und konzentriert sind, diejenigen, die es darauf anlegen, zum Schluss noch Positionen durchzupeitschen, die sonst chancenlos wären. Es ist ganz wichtig, rechtzeitig zu schließen. Open-End-Veranstaltungen sind auf jeden Fall zu vermeiden.
Piraten, ihr vermeintliches Naziproblem und ich
Man hat mich per Mail zu meiner Position und Meinung zu Nazis, Rechtsauslegern und sonstigen abseitigen Denkern in der Piratenpartei gefragt und meine Antwort war zu lang, um sie nicht parallel ins Blog zu werfen. Ich habs nur leicht redigiert und paar nach Senden bemerkte Typos korrigiert.
Vorneweg meine bisherigen Texte zum Thema (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):
- Angesichts der Kevin Barth-Sache
- Zu der regelmäßigen Diskussion um die Blockaden in Dresden
- Nach der Geschichte um Matthias Bahner in MV
- Nochmal Bahner
- Ein Konzept zum Umgang mit den Dresden-Blockaden, allerdings nicht von mir geschrieben
- Zur Causa Thiesen
- Ein Pirat, der eine Petition zur Freilassung von Horst Mahler bewirbt, wird (wie ich) Mitglied des Teams "Virtuelle Bundesgeschäftsstelle
Allgemein trifft dieser Beitrag von mir und der Beitrag vom Holler aus Hamburg meine "Großgemütslage" ganz gut. Wir haben kein wirkliches "Naziproblem". Ja, es gibt Spinner, vom handfesten Braunen und "Reichsausweis-Esoteriker" über empathiefreie Geschichtslaien wir Herrn Thiesen und einzelne (vermeintlich geläuterte) Ex-NPDler. Das ist alles nicht das eigentliche Problem, das man sich einen Spinner "eintritt" kann man nicht wirksam verhindern.
Das Problem ist unser Umgang damit. Wir relativieren und verharmlosen das massiv, es wird sich gänzlich unpolitisch auf "Meinungsfreiheit" und rechtliche Dinge ("Eine Verweigerung der Mitarbeit ist nicht erlaubt, weil wir eine Mitmachpartei sind") zurückgezogen, statt politisch zu handeln und hinzustellen mit "Nazikram hat bei uns keinen Platz". Wir geben solchen Leuten naiv Posten und Funktionen, wählen sie in Ämter, hätscheln sie mit "Aber er engagiert sich doch so fleißig" und schaffen es nicht, eine innerparteiliche Atmosphäre zu schaffen, in der sich "Rechtsausleger" nicht wohl fühlen.
Weiterhin sind wir zu dämlich, uns einfach mal klar und deutlich von Nazis zu distanzieren, ohne gleichzeitig auch "Linksextreme oder Extremismus jeder Art" abzulehnen (vgl. auch diesen großartigen Text zu dem Thema!). Wir haben Leute in Vorständen, die der "Hufeisentheorie" das Wort reden (LV Sachsen) und die Vorsitzender eines Vereins sind, der "gesunden Nationalismus" fördern will (KV Dresden) usw. Es ist ja kein Wunder, das sich die Konkurrenz mit Wonne auf diese vermeintliche Doppelmoral stürzt und es uns genüßlich unter die Nase reibt. Die Konkurrenz hat ja Recht.
Wenn der Vorstand, wie auf dem BPT in Chemnitz geschehen, Bodo Thiesen hochoffiziell lobt, weil er irgendein IT-Problem gefixt hat, dann ist doch nur naheliegend, das sich ähnliche Kleingeister von dieser ach so "liberalen und freiheitlichen" Haltung angezogen fühlen, wie Schmeißfliegen von einem braunen Haufen. Wir haben klare Aussagen in Satzung und Programm, die eine prima Ausgangslage wären. Stattdessen müssen sich die "Piraten gegen Rechts" rechtfertigen, wenn sie zur Unterstützung von Dresden Nazifrei aufrufen, weil Nazis ja auch Rechte haben, Blockaden verboten sind und überhaupt.
Bevor ich mich weiter in Rage schreibe: Die Piraten haben kein Naziproblem aber ein Problem im Umgang mit Nazis. Die vorhandenen Positionen aus Satzung und Programm müssen sich endlich im politischen Handeln auch tatsächlich zeigen. Auf diese Weise muss rechten Spinnern der Parteiboden unter den Füßen weggezogen werden.
Keine Ämter, keine Funktionen, keine Beauftragungen, keine Kekse.
Kein. Fußbreit
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Die Veröffentlichung der Ergebnisse der Gender-Umfrage bei den Piraten liegt nun schon eine Woche zurück und trotzdem hab ich nun nochmal was aufgeschrieben, weil mir gerade in der Berichterstattung darüber ein paar Sachen aufgefallen sind.
Aber erstmal für die, die die Umfrage nicht kennen: bitte hier entlang, ist wirklich interessant. Dafür auch hier nochmal großen Dank an den Kegelklub für die Mühe, über vieles müssen wir jetzt nicht mehr spekulieren.
Über zwei Dinge will ich was los werden, und auch was Allgemeines. Dabei gehts mir gar nicht so sehr um einen Kontrapunkt zum Kegelklub – denn dessen Gender-Positionen wie hier im Equalismus-Papier sind schon mal ziemlich dufte – sondern vielmehr um eine Sache, die m.E. noch deutlicher rüberkommen muss.
Zum einen heißt es, die Umfrage zeige, man müsse “noch viel Aufklärungsarbeit leisten.”
Ich hab mir dann mal vorgestellt, die katholische Kirche hätte die Bevölkerung gefragt, wofür sie stehe, und in der Zeitung stünde dann:
So denken 22 Prozent der Befragten, bei der katholischen Kirche gehe es um staatliche Bevorzugung einer Religion, 13 Prozent gar, der Hauptzweck sei “Geldwäsche und Verdeckung von Kindesmissbrauch”. Nur 22 Prozent antworteten, die katholische Kirche sei eine Glaubensgemeinschaft von Christen. Da muss also noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden.
Klingt komisch, oder? Die Deutungshoheit über einen Begriff liegt eben nicht allein bei den Menschen, die sich hinter ihm sammeln. Und gerade wenn die Frage lautet “Wofür steht der Begriff Deiner Meinung nach?” (wie in der Kegelklub-Umfrage), ist ja auch eine persönliche Interpretation gefragt. Es passt daher nicht, den Leuten, die in der Kirche die staatliche Bevorzugung einer Religion sehen, automatisch Uninformiertheit zu unterstellen. Ebensowenig passt es, Leuten, für die Feminismus nicht die Gleichstellung der Geschlechter bedeutet, pauschal Aufklärungsbedarf zu unterstellen.
Und nun zum zweiten Punkt:
Ein definitiv trauriges Ergebnis, das zum Handeln auffordert, auch mich selber. Und alle anderen – Männer, Frauen und Eichhörnchen. Mein Eindruck ist aber, dass Sexismus oft ausschließlich als ein Problem mit männlichen Tätern und weiblichen Opfern gesehen wird. So werden Kegelklubber – obwohl sie sich nicht nur mit Frauen-Diskriminierung beschäftigen – oft nur über diese zitiert:
Diese gebiaste Sicht wird so allgemein angenommen, dass sie selbst offenbar auch dann nicht auffällt, wenn man Sexismus objektiv messen will. Die Frage, die zu o.g. Ergebnis führte, lautete nämlich:
Hast Du in der Piratenpartei schon einmal sexistische Kommentare (z.B. “Macho-Sprüche”) mitbekommen?
Ja, was kann ich als Mann darauf antworten? “Klar kannst Du nicht multi-tasken, bist ja auch ein Mann” ist eindeutig sexistisch, aber irgendwie doch kein Macho-Spruch. (Die Kegelklubber sehen inzwischen auch den Bias in der Frage.) Ich will jetzt nicht unterstellen, dass Männer bei den Piraten genauso von Sexismus betroffen sind, ich will nur festhalten: Wir wissen es nach der Umfrage immer noch nicht wirklich.
Und an der Stelle ein wichtiger Einwurf: Es geht überhaupt nicht darum, jetzt Männer-Diskriminierung aufzuzählen, um damit Frauen-(oder Eichhörnchen-)Diskriminierung zu relativieren. Es geht darum, möglichst das ganze Bild zu sehen, weil nur das die Grundlage ist, um auch nachhaltig was zu ändern.
Und dazu muss ich etwas ausholen. Vor einiger Zeit hab ich den schönen Artikel Ich bin Equalist von Ben Stöcker gelesen und erlaube mir mal, ihn etwas länger zu zitieren:
Ich war mal im Bundesvorstand der Piratenpartei. Und die Amtszeit war nicht sonderlich glücklich, um es mal charmant auszudrücken. Direkter gesagt: Es war scheiße, ich habe Fehler gemacht. Natürlich haben diese Fehler Gründe, welche zum guten Teil noch nicht mal bei den Piraten liegen. Das Ganze ist jetzt mehr als ein Jahr her – für die Piraten ist das eine Ewigkeit, in der Zeit krempelt sich da einmal die Partei um. Dennoch ist das immer wieder Thema wenn Piraten mich umgeben und dennoch werde ich dafür gestichelt, gefragt und dumm angeschaut. Zugegeben, geschenkt: Ich komm mit so einem Scheiß ganz gut zurecht. Aber ich bin mir sicher: Wäre ich eine Frau, würde das Ganze so nicht passieren. Frauen dürfen Fehler machen, fehlbar sein. Männer dürfen das in der Regel nicht: Gesellschaftlich werden ihnen Fehler länger nachgetragen, sie haben unfehlbar zu sein.
Ich weiß nun nicht, wie sehr Bens Wahrnehmung verallgemeinert werden kann und ob seine Einschätzung stimmt, eine Frau hätte das nicht erlebt. Ich hab ihn aber sonst als alles andere als reaktionär und frauenhassend kennen gelernt. Und wenn etwas an seiner Einschätzung dran ist, dann steckt dahinter auch ein Problem, das gerade Frauen bei den Piraten und in der Gesellschaft betrifft: Wen man ihnen nämlich eher Fehler verzeiht, dann erwartet man von ihnen wohl auch weniger Können. Und nimmt sie dann z.B. oft nur über ihr Aussehen wahr.
Das, was also auf den ersten Blick als Diskriminierung eines Geschlechts aussieht, kann auf den zweiten genauso das andere betreffen. Wir müssen somit versuchen, immer das ganze Bild zusammenzutragen. Wir müssen versuchen, alle Diskriminierungen gleichermaßen wahrzunehmen, eben weil ein Vorteil an einer Stelle woanders oft ein Nachteil sein kann.
Das Problem dabei ist, dass unsere eigene Wahrnehmung immer gebiast ist, beeinflusst durch unsere Ansichten und Glaubenssätze (von denen sich alle in Zukunft als unzureichend oder falsch herausstellen werden). Wer der festen Überzeugung ist, vor allem Männer werden benachteiligt, nimmt dann vor allem Männer-Benachteiligung wahr. Genauso aber auch andersrum.
Dagegen kann helfen, sich gezielt anderen Wahrnehmungen auszusetzen. Wir sollten daher auch denen zuhören, die auf Männer-Diskriminierung hinweisen, auch wenn wir vielleicht viele ihre Erklärungen und Schlussfolgerungen falsch, lächerlich oder gar gefährlich finden. Wir brauchen auch ihre Wahrnehmungen, um dem ganzen Bild näher zu kommen.
Eine solche interessante Wahrnehmung, die mich immer noch beschäftigt, fand ich zuletzt in diesem Text: Die ästhetisierte Gewalt. Leseempfehlung!
Liquid Feedback - Aktueller Status Operation Cleanup / Support / Einladungen
Aktuell wartet die Mitgliederverwaltung auf eine letzte Rückmeldung von der Clearingstelle. Sobald diese Rückmeldung da ist (vermutlich: heute/im Laufe des Wochenendes) wird die Liste der auf Grund der Operation CleanUp zu versendenden Ersatzschlüssel und zu sperrenden Accounts finalisiert und über die Clearingstelle an die Admins übermittelt. Damit ist Operation CleanUp zu Beginn der KW 12(pünktlich zum Frühlingsanfang) abgeschlossen. Danach werden auch die (die Mitgliederverwaltung betreffenden) beim Bundesvorstand eingereichten Fragen beantwortet und die Antworten hier veröffentlicht.
Support
Zwischen Mitgliederverwaltung und Vorstand/Generalsekretär wurde ein modus operandi gefunden, der es erlaubt auch ohne direkten Zugriff auf die neue SAGE-Software Piraten defekte/verlorene Referenzschlüssel zu ersetzen. Ersatzschlüssel werden entweder direkt durch die Mitgliederverwaltung oder über die Stapelverarbeitung in der neuen SAGE-Software durch den Generalsekretär verschickt (immer donnerstags).
Einladungen
Hier ist seitens der LQFB-Mitgliederverwaltung beabsichtigt, in einem ähnlichen modus operandi, wie beim Support, dem Generalsekretär zuzuarbeiten, so das dieser die Neueinladungen verschicken kann (wieder: jeden Donnerstag).
Zeitplanung
Geplante Deadline für die Abarbeitung offener Supportfälle und Einladung von Neumitgliedern ist der 6.4.2012 (Karfreitag). Bis dahin wollen wir jedem wartenden Piraten eine Einladung bzw. einen Ersatzreferenzschlüssel zukommen lassen.
Kandidateninterview
Die Flaschenpost hat mich zu meiner Kandidatur für den Bundesvorstand interviewt. Ich bin nicht völlig unzufrieden, auch wenn einem die geschliffene(re)n Formulierungen dann natürlich erst danach einfallen.
Viel Spaß beim Hören. Wählt Quimby!
Die Piratenpartei, ihr LiquidFeedback und ich (Reprise)
Weil ich oft gefragt werde und es einen Bedarf an diesen Informationen gibt, hier der relevante Auszug eines Chatlogs bzgl. meiner Rolle im/am Bundesliquid, der noch nicht abgeschlossenen Operation Cleanup und diversen anderen Imponderabilien, die im Moment viele Leute unglücklich machen. Es ist keine Lösung, aber vielleicht hilft dem einen oder anderen auch, einfach Bescheid zu wissen. Here we go:
tarzun: mein aktueller status ist imer noch http://tarzun.de/archives/364-Die-Piratenpartei,-ihr-LiquidFeedback-und-ich.html - also nur "mitgliedsverwalter"
tarzun: die "exekutive projektverwaltung" ist nie offiziell beschlossen worden und würde wohl auch keine entscheidungsbefugnisse umfassen
tarzun: im BuVo sind Wilm und Afelia die "Verantwortlichen", beide haben mit SAGE (Wilm) und "Medien/Studium" (Afelia) bis obenhin zu tun und vor NMS garantiert keine Zeit da noch was zu "reißen"
tarzun: das bugfix-update werden wir aber im märz wohl noch machen, wenn cleanup "durch ist"
tarzun: bei cleanup fehlt es an genau einem: der letztlichen sperrung der zu sperrenden accounts
tarzun: das ist noch nicht passiert, aus den gründen die im LF-Blog stehen. kurz: ich muss ungefähr 30 Leute aus der eigentlichen sperrliste rauspopeln und eine neue über die Clearingstelle an Ingo schicken
tarzun: und an dem rauspopeln hängts, weil mich die volle breitseite des SAGE-Updates getroffen hat und ich da immer noch keinen Acc hab
tarzun: den bekomme ich aber mittwoch, ich hab vorhin mit WIlm telefoniert, wo es klemmt und es [lag an einem missverständnis], das das trotz auftrag verbaselt wurde, mir den zugang auch zu zeigen und nicht nur anzulegen
tarzun: der plan ist aktuell: zugang bekommen, leute rauspopeln, cleanupliste vershcicken, leute sperren (lassen), update einspielen, support-backlog abarbeiten
tarzun: deadline ist so, das das support-backlog rechtzeitig vor den liquid-abstimungen der Anträge fürn BPT2012.1 erledigt ist, so das jeder der will drin und jeder nicht reingehört draußen ist
tarzun: cleanup selber wurde erst ende oktober '11 gestartet, nachdem ingo und ich das vorbereitet, den rücklauf hab ich, ende november erhalten und um vor weihnachten ins civi eingearbeitet.
tarzun: dann kam mein weihnachtsurlaub und nach dessen ende kam das "civigate", als das civi a) ne weile weg war und b) auf den 24.11 rollbacked wurde. ich hab dann cleanup nochmal "durchgführt" und die keys übermittelt nud den leuten die ersatzkeys geschickt
tarzun: es gab dann etwa 30 tatsächlich plausible rückmeldungen, die versicherten, das der account einwandfrei funktioniert und die keinen neuen wollen. ich hab dann nachgeschaut [...] das wir da nix verwechselt haben
tarzun: und konnte das auf "sehr wahrscheinlich user error" zurückführen und wir haben uns dann entschieden das nicht "durchzuziehen", sondern die leute manuell "nicht zu sperren", also ne neue liste zu machen
tarzun: womit sich der kreis schließt, weil [...] das SAGE noch nicht (für mich) verfügbar war und ich änderungen (rücktausch der keys) auch nicht im Civi machen konnte
Und nun, liebe Zuhörer, kennt ihr die wahre Geschichte.
Sam spielt es noch einmal: Das Lied vom Urheberrecht
Wolfgang Michal schreibt auf carta.info: Kleine Anfrage an die Kritiker des geistigen Eigentums das übliche Zeugs. Das heißt, er zieht sich an dem Begriff "Geistiges Eigentum" hoch und schlägt vor, daß die Gegner des Kampfbegriffes "Geistiges Eigentum" auch das dingliche Eigentum gleich mit abschaffen, wegen weil.
Die Diskussion und die Argumente sind nicht neu, wir finden sie auch im hinteren Teil der Diskussion mit Lena Falkenhagen im November, die ich seinerzeit in Nicht das Urheberrecht ist das Kernthema zusammengefaßt habe. Sicherheitshalber hat Marcel Weiss die Standardantwort auf diese Standardfrage noch einmal aufgeschrieben, denn manchmal braucht auch einer wie Wolfgang Michael einmal eine FAQ an die Birne geknallt.
Eben Lena Falkenhagen greift nun den "Kleine Anfrage"-Artikel in Google Plus noch einmal auf, nachdem Andreas Eschbach sie darauf aufmerksam gemacht hat, und Andreas Eschbach diskutiert dort auch mit.
Das wäre nicht weiter interessant, denn diese Richtung der Diskussion geht, wie wir in Nicht das Urheberrecht ist das Kernthema und dem Nachtrag dazu etabliert haben, vollkommen am Kern des Problems vorbei. Der "Blechpirat" Karsten greift das auf:
Ich finde den Artikel eher schwach. Konkret geht er auch an der Sache vorbei. Zu Rechtfertigen, warum man den juristischen Fachbegriff "Eigentum" gerne falsch auf das Urheberrecht anwenden möchte, hilft doch keinen - letztlich wird damit doch nur Propaganda gerechtfertigt. Spannend ist doch viel mehr die Frage, wie man mit der neuen Technik umgeht, wie man mit der Kopierbarkeit (auch juristisch) umgeht und wie man dann noch mit Denken, Schreiben, Malen und Musizieren noch Geld verdienen kann, wenn diese Technik vollständig da ist.
Und da versagt der Artikel. Er bleibt (langweilige und nicht besonders gut geschriebene) Polemik.
und Christian Buggedei hat schon auf carta.info nachgesetzt gehabt:
Es gibt viele Dinge, bei denen man die “Das ist Technik, das geht halt so und nicht anders” nicht hinnehmen muss. Da kann man neue, bessere Technik konstruieren, da kann man Verbote aussprechen und sie auch kontrollieren.
Dieses eine Ding – Inhalte kopieren – ist leider eine Ausnahme. Wenn wir dieses wirksam kontrollieren und einschränken wollen, müssen wir das Internet so wie es ist abschaffen. Komplett. Eigene, spontan erstellte Seiten und Dienste wird es nicht mehr geben, jeglicher Kommunikationsvorgang muss überwacht und kontrolliert werden. Alles andere wird fast sofort umgangen werden.
Er holt dann noch weiter aus und zeichnet auch einen sinnvollen Ausblick auf - aber lest seinen Kommentar halt selbst, ich warte hier so lange.
Aber Andreas Eschbach hat noch Fragen:
Ich weiß nicht, wieso sich alle immer so an dieser "beliebigen Reproduzierbarkeit" aufhängen. Wieso denn? Was ändert denn das?
und wir erklären es ihm - es geht nicht wirklich um das Kopieren, und seinen Blick darauf zu fixieren verstellt einem die Sicht auf das Ganze. Es geht um die Kommunikation von Leuten miteinander, und wie das die Strukturen im Markt ändert. Die Kopierbarkeit rundet das Ganze nur ab. Ich formuliere das so:
Was die neue, digitale Natur von Werken ändert hatte ich in der vorherigen Instanz dieser Debatte schon einmal aufgemalt:
Nicht das Urheberrecht ist das Kernthema
"Dann ist da aber auch die Verminderung des Aufwandes und die Verkürzung der Publishing Pipeline: Jeder, der schreiben will, kann nun schreiben. Ob er gelesen wird ist noch einmal eine andere Sache - aber es gibt nichts und niemanden mehr, das jemandem vom Schreiben abhalten kann. Und so gibt es neben den Werken, die Du und Deinesgleichen für Geld produzieren nun haufenweise anderes Zeugs - frei erhältlich an Orten wie Wattpad oder einer der Tausend anderen Story Communities im Web. Gegen diese Leute und deren Preise treten Autoren für Geld nun an." und in den folgenden Absätzen des o.a. Artikels länger ausgeführt.
Es ist nicht das Urheberrecht das Problem, sondern es sind mehrere Mechanismen am Werk, die strukturelle Dinge ändern:
1. Weil Kopien machbar sind werden sie gemacht. Das ist auch nicht zu verhindern, ohne daß etwas ganz schreckliches entsteht, daß niemand von uns will.
2. Weil jeder sich und seine Werke publizieren kann, fragmentiert der Markt. Dazu kommt, daß viele ihre Werke kostenlos oder zu sehr niedrigen Kosten publizieren. Dadurch entsteht ein Race to the bottom.
3. Weil jeder sich publizieren kann, und die publizierten Werke teilweise Fragmente sind, die dann wieder weiter verarbeitet werden, ist Urheberschaft teilweise ein schwer feststellbares Konzept.
Zu 3: Besonders ausgeprägt im Bereich der Programmentwicklung, teilweise aber auch bei der Texterstellung - kollaborative Systeme dienen dazu, kleinste Beiträge von Einzelpersonen zu einem Gesamtwerk zu aggregieren. Fast alle moderne Werkentstehung arbeitet auf diese Weise, und wo das gelingt, haben Einzelpersonen kaum noch eine Chance. Dazu kann ich auf Anfrage mehr schreiben (Der Nachtrag redet da schon teilweise drüber).
Über das Urheberrecht zu diskutieren geht am Kern des Problems vorbei. Das versuche ich mit meiner Frage nach dem Wunsch-Urheberrecht in Richtung +Lena Falkenhagen und +Andreas Eschbach ja zu illustrieren - es würde mich wundern, wenn eine sinnvolle Antwort käme, denn IMHO gibt es keine - auch in Von einem Absturz, Tutus und einem neuen Urheberrecht habe ich keine Antwort bekommen.
Die Frage ist ja schon falsch.
und Karsten geht noch einmal auf die Eigentumsgleichsetzung ein, um die Erklärung zu komplettieren:
Mein gedanklicher Ansatz ist ein anderer: Eine Eigentumsordnung wie die unsere ist bisher auf die Verwaltung von Knappheit ausgelegt. Wenn es nur einen Apfel gibt, dann ist es fair, dass der einer konkreten Person zugeordnet wird - sie kann entscheiden, was mit dem Apfel passiert.
Sind Äpfel aber beliebig reproduzierbar, erscheint es unfair, wenn nur einer über sie entscheidet, der andere aber hungrig stirbt.
Mir ist klar, dass niemand stirbt, weil er ein digitales Werk nicht erhält. Aber der Gedanke der exklusiven Zuordnung erhält seine moralische Rechtfertigung in der Knappheit des Gutes.
Gerade deshalb wollen die Urheberrechtsverschärfer (wie der im Originalposting genannte [Wolfgang Michal]) ja unbedingt Urheberrecht und Eigentum gleichsetzen - um die moralische Legitimierung des Begriffes Eigentum für ihr Anliegen ausnutzen zu können.
Mir ist klar, dass meine Gedankengänge jetzt das von +Lena Falkenhagen angesprochene Problem (wie wird der Künstler bezahlt) nicht lösen. Aber die künstliche Verknappung des Gutes durch Gesetz und technische Lösungen scheint keine praktikable Lösung zu sein. Das Gesetz kann nicht erfolgreich durchgesetzt werden, wenn die Mehrheit der Unterworfenen es für ungerecht befindet - das geht einfach nicht, ist 1000mal probiert worden und scheitert. Und die technischen Ansätze scheinen auch zu scheitern.
An dem Konzept der Rechtsdurchsetzung knabbert man im weiteren Verlauf der Diskussion noch weiter herum. Es werden Vergleiche mit roten Ampeln und mit Mördern gezogen, aber man kommt nicht so richtig weiter. Oder doch? Lena:
Christian Buggedei, ich halte die Argumentation für unfair und sehr gefährlich. Nur weil alle Leute über die rote Ampel gehen, heißt es noch nicht, dass das erlaubt wäre.
Ich bin auch kein Freund von jahrelangen Gefängnisstrafen für private Raubkopierer, aber wenn "das macht doch jeder" gelten würde, wäre Mord im Affekt an der Ehefrau und ihrem Geliebten immer noch ein Ehrendelikt.
Ich weiß, dass ich gerade polemisch werde, aber am Urheberrecht ist so nichts auszusetzen. Es schützt meine Rechte als Autorin, die ich mir in langer, harter Arbeit verdient habe. Die Durchsetzbarkeit gerät ins Wanken, da stimme ich zu.
Daher müssen neue Wege gefunden werden, Urheber (jeglicher schöpferischer Werke) zu gratifizieren. Sonst sind (geraten) 90% der weltweit beliebtesten Unterhaltungsprodukte, an denen momentan einfach so partizipiert wird, "weil man es kann", nicht mehr möglich.
Doch, man kommt weiter. Denn Christian läßt sich von der fruchtlosen Diskussion nicht blenden, und geht auf den entscheidenden Punkt ein:
Lena Falkenhagen "Daher müssen neue Wege gefunden werden, Urheber (jeglicher schöpferischer Werke) zu gratifizieren. Sonst sind (geraten) 90% der weltweit beliebtesten Unterhaltungsprodukte, an denen momentan einfach so partizipiert wird, "weil man es kann", nicht mehr möglich."
Genau.
Nochmal: Genau.
Genau das ist es, was "wir" die ganze Zeit sagen: Es geht nicht darum, die alten Einkommenswege zu zementieren, sondern neue zu erschließen. Am Horizont sehen wir da diverse Wege, gerade wenn zB die Inhalte an begehrenswerte physische Artefakte wie "schöner Druck", "schöne Packung", oder "Sammlerfigur" gebunden sind. (wobei sich das mit 3d-Printing auch wieder ändern könnte), es gibt offensichtlich ebenso die Bereitschaft für einen besonders einfachen Zugang zu zahlen, oder Modelle wie Flattr, Kickstarter und Co., und und und. Wie +Kristian Köhntopp sagte, ist dabei das Urheberrecht allerdings das kleinste Problem.
Ich habe persönlich nur die Befürchtung, dass wir das Urherberrecht dennoch erst schleifen müssen, bevor der Druck, diese neuen Modelle ernsthaft auszuprobieren, in der Breite ankommt.
Andreas Eschbach ist weiter skeptisch:
»Jetzt schaue ich mir mal meine Umgebung an. Gefühlte 97% davon ist der Ansicht, dass das freie Kopieren von Zeugs für Privatpersonen zwar illegal, aber nicht sonderlich moralisch verwerflich ist.«
Das wäre bis jetzt der einzige Ansatzpunkt, der mir einfällt: Dass man durch entsprechende Aufklärungsarbeit das Verständnis dafür weckt, welches Kopieren okay ist (für den Eigengebrauch, bislang "Privatkopie" genannt) und welches nicht okay ist (Buch einscannen und stolz sein, wenn's 5000 Leute runtergeladen haben, ehe die Datei in Usbekistan vom Server geschmissen wird). Man tritt ja auch keine Hunde mit Füßen und schnappt nicht alten Omas den Sitzplatz weg und man bescheißt im Restaurant nicht usw. – alles weitgehend freiwillig aus dem Bewusstsein heraus, "es wäre nicht okay".
Das ist allerdings viel Arbeit, wenn ich dran denke, wie viele Mails ich schon gekriegt habe von Leuten, die mir Sachen schreiben wie "ich hab mir alle Ihre Romane besorgt (bei ebay), weil ich finde, man muss einen Autor unterstützen" ... :-(
und schließt mit der Betrachtung "Wenn man hier nicht aufpasst, wird ganz schnell eine andere Art von Knappheit entstehen, nämlich eine an wirklich neuen Schöpfungen."
Aber da unterschätzt Andreas Eschbach wahrscheinlich seine Leser und Kunden. Denn es existieren jede Menge Gegenbeispiele, die zeigen, daß genau diese Aufklärungsarbeit bei den Lesern offene Türen einrennen würde. Christian Buggedei ist jedenfalls, wie ich, genau dieser Auffassung:
Ich weiss ehrlich gesagt gar nicht, ob diese Arbeit nötig ist. Denn die prinzipielle Bereitschaft, den Autoren, Musikern, Filmemachern etc. die man gut findet, Geld zu geben ist ja da. Es "fehlt" wohl nur der Wille, das über die althergebrachten Kanäle zu tun.
und ich führe länger aus:
Ich könnte an dieser Stelle den Brockhaus und den Britannica-Verlag erwähnen, die da andere Dinge berichten können. Ich könnte die ganzen Projekte aus den oben erwähnten Blogbeiträgen von mir noch einmal aufzählen. Oder ich könnte auf meine eigenen Arbeiten verweisen, die zwar keine Geschichten erzählen, aber von einer Reihe von Leuten als Ausbildungsmaterial gerne verwendet werden.
Stattdessen will ich nur auf die Artikelserie von +Heiko Harthun verweisen: "Projekt: Eben nicht schwarzer März!". Es steht unter dem Motto: »Anstatt sich einem absoluten Boykott der Verwertungsindustrie anzuschließen, wäre ein deutlich erfolgversprechenderer Weg, die Stand-Alone-Projekte und fairen Kleinstverwerter zu belohnen. Das wichtigste daran, es so vielen Leuten mitzuteilen. Deshalb hier jetzt den ganzen März lang jeden Tag eine neue Empfehlung.«
Am Ende des Monats wirst Du so 31 Beispiele haben, die zeigen, daß keine Knappheit an wirklich neuen Schöpfungen herrschen wird. Stattdessen, das zeigen diese Beispiele, verändert sich die Art und Weise wie Schöpfer von Werken an eine Finanzierung kommen, oder es ändern sich die Motive, aus denen diese Personen Werke schaffen.
Es handelt sich eben genau nicht um eine Krise des Urheberrechts an sich, sondern um einen Strukturwandel im Schaffensprozeß, der durch eine neue Art der Werkverbreitung und durch eine neue Art der Kommunikation ausgelöst wird. Daher ist das Ganze auch nicht im Urheberrecht zu reparieren, sondern nur durch eine Anpassung an diese neuen Strukturen.
Christian Buggedei ist begeistert und will nun Nägel mit Köpfen machen. Er fordert Andreas Eschbach und Lena Falkenhagen heraus:
Zum Thema Zahlbereitschaft: Wie wäre es mit einer Wette?
Wir starten gemeinsam ein Kickstarter Projekt. Du, und hoffentlich ein paar andere Autoren (ich schau zum Beispiel einfach auch mal +Lena Falkenhagen an) sagt mir, was Ihr für an Geld braucht/wollt um je eine Kurzgeschichte zu schreiben. Da schlagen wir dann einen Betrag für Lektorat, Zusammenstellung, Artwork, Buchhaltung etc drauf und stellen das als Projekt dem Internet vor.
Wenn dann der Gesamtbetrag zusammenkommt, schreibt Ihr die Geschichten, werdet bezahlt und wir veröffentlichen das unter CC by-nc-sa sowohl gedruckt als auch kaufbar und kostenlos in den gängigen eBook-Formaten. Ich würde mich nicht wundern, wenn das Geld nicht innerhalb eines Monats zusammenkommen würde und dennoch danach regelmäßig die Kurzgeschichtensammlung gekauft wird.
Leider kneift Andreas Eschbach:
(Das wird immer übersehen von denen, die ankommen mit von wegen "Cory Doctorow stellt seine Bücher frei ins Netz und verkauft sie trotzdem": Was bei 1 funktioniert, muss noch lange nicht bei allen funktionieren und funktioniert auch nicht bei allen.)
Persönliches zu der Wette: Würde meinen Verleger unnötig nervös machen, wenn ich bei so etwas mitmachte, und das will ich ihm nicht antun. :-D
Das mit dem einmaligen Eventcharacter stimmt so übrigens nicht, merkt Christian Buggedei an:
Sowas und ähnliches funktioniert auf Dauer und für viele. Alexandra Erin, Fred Gallagher, Scott Kurtz, Jeffrey T. Darlington, die Jungs von Penny Arcade, Rich Burlew, Ryan Sohmer... um nur ein paar zu nennen. Cory ist sicherlich derjenige, der das am meisten weitererzählt und propagiert, aber er ist nicht der einzige.
Und Heiko Harthun hat noch mehr Beispiele:
Durch meine erste Berührung mit einem Kindle und jetzt mit der App für mein Tablet hat sich mein Leseverhalten grundlegend verändert. Ich kaufe haufenweise eBooks für kleines Geld und kaufe ausschließlich die Gebundene Ausgabe eines eBooks, wenn es mir gefällt. Taschenbücher sind bei mir damit "nahezu" ausgestorben. Warum nur "nahezu"? Ich gehe sogar den umgekehrten Weg. Ein eBook, dass gar nicht auf Papier zu haben ist, habe ich mir jetzt als Book on Demand (etwas veraltete Idee, die gerade totgeglaubt, wiederbelebt wird) bestellt.
Das alles hat primär nichts mit dem Urheberrecht zu tun, sondern mit sterbenden und sich schnell verändernden Geschäftsmodellen. Und was die mühsame Argumentation mit dem "Die Massen zahlen doch nicht für etwas, was sie umsonst kriegen können!" angeht: lassen wir einfach ein Beispiel von Neil Gaiman für sich sprechen.
Es gibt noch mehr davon, die alle ganz deutlich widerlegen, was wir alle glauben. Wir glauben, dass jemand lieber nimmt anstatt zu geben, wir glauben das jemand nicht für ein Produkt bezahlt, wenn er es auch umsonst bekommen kann.
Dieser Glaube basiert auf unserer Intuition.
Menschliche Intuition funktioniert nicht!
Menschliche Intuition ist broken bei Design!
Jedes, aber auch wirklich jedes Wissenschaftliche und sogar nur rein statistische Modell schlägt die Intuition! Jedes!
Relevant: Dan Pink on Motivation
"Intuition sucks! That's why we test!" ist ein sich langsam etablierendes Dogma in der IT-Welt. Die Firmen, die verstanden haben, dass sie mit einer einzigen Website eine Spielwiese haben, von der Statistikern seit Jahrhunderten geträumt haben - diese Firmen sind schneller, effektiver und stabiler als ihre Konkurrenz. Warum sind sie das? Weil sie keine Annahmen mehr über die Welt und wie sie funktioniert machen, weil sie nicht mehr auf ihre Intuition vertrauen, sondern weil sie eine Idee sofort einem validen Test unterziehen.
+Kristian Köhntopp wird euch sicher gerne näheres dazu vermitteln können.
Kann ich. :-) Und Christian Buggedei macht noch auf eine weitere Sache aufmerksam: Niedrige Preise machen experimentierfreudiger.
Und in den Laden gehen, aussuchen, bezahlen? Mache ich und all die anderen anonymen Amazoniker schon seit langem nicht mehr. Stattdessen bauen wir auf die vielfältigen Empfehlungsnetzwerke, die wir uns aufgebaut haben und surfen dann den ebookshop oder den legalen Downloadbereich unseres Vertrauens an. Dass die Investition von nicht mal eine Handvoll Dollar in ein eBook weniger schmerzhaft als die 30 Euro für ein schön gebundenes Hardcover ist, tut sein übriges: Man wird wesentlich experimentierfreudiger, selbst wenn es sich um augenscheinlich eher unbekannte Autoren handelt.
Und langsam scheint auch Andreas Eschbach das Ausmaß der Veränderung zu begreifen:
»Aber Leute mit guten Inhalten und ein wenig Fanpflege bei der Stange zu halten? Das funktioniert prächtig. Nicht von selbst, nicht ohne da ein wenig Zeit zu investieren, aber es funktioniert.«
Vielleicht sieht so das Modell der Zukunft aus: Auf der einen Seite der Autor, der sich aufs Schreiben konzentriert, auf der anderen sein Internet-Manager, der die Fan-Basis pflegt, die beide alimentiert. Verlage gibt's keine mehr, Buchhandlungen sind alle verschwunden, entlassene Buchhändler schreiben stattdessen Rezis in eigenen Blogs und in Social Networks (und leben von ... hmm, muss man noch klären), und das Feuilleton gibt's auch nicht mehr, da die Zeitungen auch zugemacht haben.
Schon ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Christian Buggedei schiebt noch ein bischen:
Change happens. Dreh doch mal kurz Deinen SF-Autor Hut mehr von Autor auf SF: Wir leben in interessanten Zeiten, wo wir der gesellschaftlichen Veränderung auf wirklich großer Ebene zusehen und sie beeinflussen können. Nur aufhalten können wir sie nicht.
Und ich hoffe, dass Du verstehst, dass eigentlich alle Teilnehmer hier in der Diskussion genuin daran interessiert sind, Autoren, Musikern, Filmemachern etc. Geld zukommen zu lassen. Wir sind auf Eurer Seite, haben nur andere Ansichten darüber, wie man das am besten bewerkstelligt. Und so gruselig finde ich das Autor - Internet-Manager Team übrigens gar nicht. Im Gegenteil: "Früher" hat der Künstler für seinen Mäzen gearbeitet, und war dessen Launen ausgeliefert. Heute ist man an den Verlag gebunden, der dann sicherlich auch häufig gern mal "hilfreiche" Anregungen dazu gibt, was man denn als nächstes machen "sollte".
In Zukunft kann man sich vielleicht über die globalen Netzwerke direkt an das Nischenpublikum wenden, dass einen für genau das liebt, was man macht - ohne Kompromisse eingehen zu müssen.
Und Andreas Eschbach dreht seinen Hut und fragt weiter:
Mal abgesehen von den Künstlern: Die Prognose für den Buchhandel im speziellen und den Einzelhandel im allgemeinen sind schlecht, oder? Gibt's irgendwelche Ideen, wie Leute, die bislang in diesen Branchen gearbeitet haben, künftig das Geld verdienen werden, mit dem sie (abgesehen von Miete, Heizung, Lebensmitteln usw.) per Crowdsourcing Kunst unterstützen können?
Ich zücke mein Blog, denn ich habe da schon mal was vorbereitet. Es zitiert übrigens Eschbach:
Axel Eble - Ich verweise hier wieder mal auf Götz Werner und das Bedingungslose Grundeinkommen.
Kristian Köhntopp - Zum Thema BGE, wo das Geld herkommen könnte und was das mit +Andreas Eschbach zu tun hat, siehe auch The pursuit of happiness.
Arbeit leisten bei uns seit 1980 oder so im wesentlichen Maschinen. Ihre Erträge werden effektiv kaum besteuert.
Dieses Geld, das bei Arbeitslöhnen in den gesellschaftlichen Umlauf geraten wäre, liegt nun bei einigen wenigen fest.
Das BGE, und zu seiner Finanzierung eine entsprechende Besteuerung von Unternehmensgewinnen aus Maschinenarbeit, die einer Lohnsteuer vergleichbar (und genau so wenig entkommbar) ist, wären ein brauchbarer Mechanismus, um den GINI Index in sinnvolle Bereiche zurück zu drücken und so unsere Gesellschaft als Solidargemeinschaft zu stabilisieren - und das wäre auch und gerade für die Besitzenden von großem Wert.
Heiko Harthun greift den Gedanken mit der weiter reichenden Transformation auf - die Veränderung ergreift ja nicht nur Buch- und Einzelhändler, sondern jede Form von kommerziellem Austausch. Er schreibt:
Supermärkte: http://www.kochhaus.de/
Zutaten sind nach Rezepten sortiert, es gibt Bildtafeln mit der Rezeptanleitung zu kaufen oder per Download im Internet. Die Zutaten können auch per Internet, zur Lieferung, bestellt werden. Geniales Konzept, dass ich in Berlin vielen leuten empfohlen habe, die behauptet haben nicht kochen zu können.
Buchhandel/Künstler: Ebay, Amazon und Dawanda sind Plattformen, die es Mikro- und Makrohändlern unglaublich einfach machen, ihre Kunden zu erreichen. http://www.massivum.de ist ein Möbelhandel, der sowohl Verkaufhäuser hat, einen Webshop, als auch einen Ebay- und Amazonshop. Das geniale an deren Konzept ist, sie verteilen Ihre Angebote (einigermassen) Zielpublikumsgerecht. Auf Ebay finden sich andere Angebote als bei Amazon.
http://www.meinekleinefarm.org
http://prinzessinnengarten.net
Ich höre jetzt besser auf, sonst wird das hier noch seitenlang. Der Punkt ist jedenfalls, dass es eine Unmenge an Ideen und Geschäftsmodellen gibt, die den herkömmlichen Einzelhandel aufbrechen und eben mit der Veränderung gehen und daran partizipieren.
Bemerkenswert. Autoren und Kunden in einem Thread um eines der emotionalsten Themen in dieser Konstellation, und alle bleiben über mehr als 100 Beiträge bei der Sache, und es wird Fortschritt in der Diskussion erzielt. Am Ende sind sogar sich annähernde Positionen erkennbar.
Danke, Google Plus.
/b/ wie "Verzweiflung"
Netzpolitik.org weist auf das Positionspapier "Eckpunkte für eine Novelle des Jugendmedienschutzstaatsvertrag" (PDF) der CDU hin. Dort findet man die Idee, neben den bekannten Kennzeichnungen der Altersstufen "6", "12", "16" und "18" eine weitere aufzunehmen: "B" für Blogs.
Bei netzpolitik.org findet man das lustig, aber der Hintergrund ist ernst. Zum besseren Verständnis hier noch einmal der Verweis auf Unerwünschte Freiheiten von Holger Bleich bei der c't, um die Interessenlage der Player in Erinnerung zu rufen.
Die Idee des "Kennzeichen /b/" ist eine direkte Folge des besonderen Schutzes der Familie und der Jugend im Grundgesetz, also der Verpflichung des Staates zum Jugendschutz vs. den Willen eine Pornoindustrie haben zu wollen.
In Lang: Die Verpflichtung zum Jugendschutz ergibt sich in Deutschland aus dem Grundgesetz und ist nicht leicht "weg" zu bekommen. Der Staat muß sie also erfüllen, oder ihre Erfüllung glaubwürdig simulieren. Er tut das mit dem Jugendschutzgesetz, dem Jugendmedienschutz-Staatsvertrag und einigen anderen Dingen.
Im Internet gibt es nun eine Reihe von Firmen, die auch Inhalte von Deutschland aus publizieren wollen, die nach dem Jugendschutzgesetz, dem Staatsvertrag etc jugendgefährdend sind. Damit diese Anbieter auch von Deutschland aus operieren können (und damit auch in Deutschland steuerpflichtig sind!), muß der Staat eine Möglichkeit schaffen, daß sie das können, ohne daß er seine grundgesetzliche Verpflichtung zum Jugendschutz verletzt.
Das hat er mit dem neuen Jugendmedienschutzstaatsvertrag versucht, ist aber an den Eigenschaften des Mediums Internet gescheitert. Denn während in traditionellen Medien Anbieter von Inhalten kommerziell sind, und daher ein Interesse haben, sich dieser Regulierung zu unterwerfen und ein möglichst niedriges, gerade noch zulässiges Rating zu erwerben, um ein möglichst großes Publikum zu erreichen, ist dies im Internet nicht mehr der Fall.
Hier haben nichtkommerzielle Anbieter (unter anderem die genannten Blogs) das Interesse daran, möglichst kostengünstig rechtssicher zu agieren. Und wenn das bedeutet "Kinder müssen draußen bleiben", dann bevorzugen sie eben dieses Rating. Nicht im Sinne der Jugendschützer.
Diese Disparität zwischen kommerziellen und nichtkommerziellen Anbietern killt den Regulierungsmechanismus und der Versuch des neuen Staatsvertrages ist daran gestorben.
Die Marke /b/ ist der Versuch, einen Ausweg zu finden und den kommerziellen deutschen Pornoanbietern endlich einen Weg ins Netz zu bauen, der gangbar ist, ohne vom nichtkommerziellen "Ich will doch nur ein Blog betreiben"-Netz einen Shitstorm ins Gesicht geblasen zu bekommen.
Wieso wir uns veröffentlichen
Der folgende Text entstand aus einigen Zeilen, die ich zwischen Tür und Angel in #spackeria abgeworfen habe, und die von Jürgen Geuter und Sven Türpe aufgearbeitet worden sind. Er ist noch nicht ganz fertig, und an einigen Stellen sind Brüche drin, aber nachdem wir da in den letzten paar Tagen nicht haben weiter arbeiten können, hau ich den aktuellen Stand mit allen seinen Schwächen einfach mal hier ins Blog bevor uns der Text weg gammelt.
"Wieso wir uns veröffentlichen" oder warum Menschen "so dumm sind" und "ihre Daten" Facebook und Google geben, obwohl jeder(tm) weiß, dass "sie" nur Böses im Schilde führen:
Eine der am meisten Energie kostenden Tätigkeiten im Leben ist es, Menschen zu finden, die meine Überlegungen bestätigen, ausbauen, reflektieren, freundlich hinterfragen und korrigieren. Menschen, die uns nahe genug sind, dass sie mit uns elementare Grundsätze teilen und dass sie unsere Probleme und Überlegungen verstehen können, die andererseits uns fremd genug sind, dass sie uns zum weiter denken inspirieren und uns mit neuen Ideen konfrontieren.
Soziale Netzwerke im Internet sind dabei ein verhältnismässig neues Instrument, aber keineswegs eine komplette Neuentwicklung. Vor der Etablierung des Internets im Alltag spielten - neben der Familie - lokal ausgerichtete Gruppen wie Vereine, Interessensverbände oder sich lose über Kleinanzeigen oder bei Veranstaltungen bildende Gruppen die dominante Rolle bei der Erzeugung von Kommunikationsräumen.
Das Internet in seiner reinen Form kennt keine Regionen: Gefühlt ist die Verbindung in die USA oft kaum von einer nach Deutschland oder Indien unterscheidbar. Soziale Netze im Internet erben diese Eigenschaft und so ist man bei der Findung von interessanten Kommunikationspartnern nicht mehr durch regionale Einschränkungen gegängelt: Die potentialen Kommunikationspartner sind die ganze (Zugang zum Netz habende) Menschheit. Das gruppierende Element ist nicht länger die Region oder das Land, es ist das Thema.
Eine solche Gruppe kann dabei thematisch eng gefaßt aufgestellt sein ("Benutzer des Binford 6000"), ein großes und komplexes Anliegen haben ("S21") oder gar bis an eine Subkultur heranreichen ("Piratenpartei"). Wie sich allerdings zeigt sind die Gruppen, die sich über soziale Netzwerke konstituieren nicht "fertig", nicht "abgeschlossen", sondern tendieren ganz klar dazu, größer werden zu wollen, mehr "Anhänger" zu finden und dadurch auch mehr themenbezogene Impulse für alle Gruppenangehörigen zu generieren.
Doch damit das gesamte System funktionieren kann, muß das einzelne Individuum dem Netz Informationen über sich bereitstellen. Neben simplen Fakten wie "Ich bin Binford 6000 User", ein "S21 Gegner/Unterstützer", ein "Pirat", die zusammengesetzt natürlich ein gewisses Bild einer Person vermitteln, erlauben es persönliche Meinungsäußerungen wie "Ich finde ja, dass $ÖffentlichePerson im Fall $Dingsi Mist gebaut hat" oder auch klar abgebildete Beziehungen zwischen Menschen eine deutlich bessere Einschätzung einer bisher fremden Person zu machen: Aus größeren Überschneidungen im Bekanntenkreis, kann beispielsweise sehr oft eine gewisse Kompatibilität abgeleitet werden (oder wenns genau die nervigen Bekannten sind auch ein Hinweis auf wahrscheinliche Inkompatibilität).
Diese Einschätzungen sind zentral für das Knüpfen neuer sozialer Bindungen und hier spielen internetbasierte soziale Netzwerke aufgrund ihrer expliziten Daten ihre Stärke in Form von Effizienz aus. Füttere ich ein Soziales Netzwerk nur ein wenig an, wird es sehr schnell in der Lage sein, mir meist durchaus relevante Vorschläge für neue Kontakte und Themengruppen zu machen. Kommunikation und Austausch zwischen den Mitgliedern tun dann ein übriges, und schnell hat man die Kontakte zum gewünschten Thema, die man gesucht hat.
Und genau deshalb "enthüllen" sich so viele Menschen auf Twitter, Facebook, Google+, Path oder sonstwo: Sie machen sich sichtbar, findbar. Um im Rückschluss selber relevantes zu finden.
Das kostet Vertrauen. Vertrauen in unsere Mitmenschen, in Plattformbetreiber und manchmal sogar in den Staat (auf den wir gut aufpassen, damit er's nicht missbraucht). Doch dieses Vertrauen ist nicht verschenkt, denn es hilft anderen, uns zu vertrauen. Vertrauen vereinfacht die soziale Interaktion. Dadurch, dass wir unsere Vorlieben, Ängste und Anliegen veröffentlichen, erlauben wir es anderen uns nahe zu kommen - und hoffen zugleich, dass die, die uns nahe kommen, Personen sind, an denen wir wachsen können, dass sie Leute sind, die unser Leben bereichern. Das ist technisch gesehen eine Filterblase, aber vor allem ist es eine massive Kooperationserleichterung.
Die Filterblase erweist sich bei näherer Betrachtung als strukturiert, vielfältig und durchdringlich. Jeder von uns steckt nicht in einer Blase, sondern in mehreren, und in jeder Blase finden wir Menschen mit eigenem Profil. Feste Wände gibt es nicht, im Gegenteil. Wir hören von und kommunizieren mit wildfremden Menschen - wenn es für ihr Thema einen Weg durch unser soziales Netz gibt. Unsere Kontakte sind dabei keine Filter, sondern Verstärker. Aus dem Rauschen der Welt extrahieren sie ein Signal. Wir wissen nicht, wie wir selbst nach diesem Signal suchen sollten, wir können es nicht beschreiben. Aber wenn wir es sehen, wissen wir, dass es uns interessiert.
Die Erfahrung gibt der Mehrzahl von uns in den meisten Fällen Recht: Wir sparen durch die Veröffentlichung eine Menge Zeit und Energie, und wir bekommen mehr vom Netz zurück als wir dort hineinstecken: Mehr und vielfältigere Kontakte überall auf dem Globus, mehr Input und eine buntere und hoffentlich tolerantere Sicht auf die Welt. Menschen sind also keineswegs "dumm", wenn sie in soziale Netzwerke publizieren, sie bewerten den Nutzen dieser schlicht und ergreifend als höher als die potentiellen Gefahren. Sie interessiert nicht, wer ihre Daten hat, sondern was damit geschieht.
Vielleicht verlieren wir Kontrolle über manches. Wir gewinnen aber auch Unabhängigkeit. Die Bestandsdaten unserer sozialen Beziehungen sind nicht in den CRM-Systemen unserer Ex-Arbeitgeber vergraben und vor unbefugtem, d.h. unserem Zugriff geschützt, sondern sie sind in Plattformen repräsentiert, die wir uns ausgesucht haben. Das nivelliert die Machtverhältnisse: wenn eine Plattform sytematisch Mist baut, ziehen wir um.
Wir geben auch nicht unsere Privatsphäre auf. Soziale Netze sind (halb-)öffentliche Räume. Wir bewegen uns dort, wie wir es vor einer Generation im Sportverein oder am Stammtisch getan hättten: wir verraten nicht alles über uns, aber wir verstecken uns auch nicht vor der Welt.
Recht auf Vergeben
Unser Innenminister diskutiert das "Recht auf Vergessen" im Spiegel Online und benutzt dort wieder Worte komisch. Ich habe das in Vergeben, vergessen und vernichten schon mal angesprochen.
Die entsprechenden Diskussion auf Google Plus war interessant, denn der Text erschien einem Teilnehmer dort als 'erstaunlich reflektierter Text'.
Ich teile diese Ansicht und zugleich auch nicht, denn es ist der Sprachgebrauch von "Vergessen", der hier die Sicht auf die Dinge verstellt.
Ja, Friedrichs Gedanken sind sinnvoll in dem Sinne, daß ein "Recht auf Vergessen" so wie es zuvor in der Politik diskutiert worden ist, extrem schädlich wäre (denn inhaltlich war das ein Recht auf Vernichtung).
Nein, die Nomenklatur ist krude, siehe Vergeben, vergessen und vernichten.
Inhaltlich verlangt er nun in seinem Text eigentlich ein Recht auf Vergebung.
Das ist aber auch Unsinn, denn Vergebung ist kein Recht, sondern eine - im Wortsinn - Gnade. Sie wird gewährt, nicht gefordert.
Am Ende landet man bei Eric Schmidt:
During an interview which aired on December 3, 2009, on the CNBC documentary "Inside the Mind of Google", Schmidt was asked, "People are treating Google like their most trusted friend. Should they be?"
His reply was: "I think judgment matters. If you have something that you don’t want anyone to know, maybe you shouldn’t be doing it in the first place, but if you really need that kind of privacy, the reality is that search engines including Google do retain this information for some time, and it’s important to remember, for example, that we are all subject in the United States to the Patriot Act. It is possible that that information could be made available to the authorities."
Man beachte die Hervorhebung - das ist der Teil, der normalerweise zitiert wird. Der größere Kontext ist hier zur korrekten Interpretation zwingend notwendig.
Dennoch ist es von dort nur ein kleiner Schritt zur Spackeria, die im wesentlichen sagt:
- Die Welt ist so, das ist eine Eigenschaft der Technik und Gesetze werden da nur kosmetisch was dran tun.
- Jeder wird mal was tun, "that they shouldn't be doing in the first place" und daher werden wir alle gut daran tun, zu lernen, zu vergeben und anzuerkennen, daß wir alle lernen und uns weiter entwickeln und das Netz das zum Teil ungewollt dokumentiert.
Auch Friedrich wird am Ende dort landen, ist aber zumindest öffentlich noch nicht so weit, d.h. sein Publikum ist definitiv noch nicht so weit.
Ich formuliere es in dem Text zur Spackeria so:
Auf eine Weise ist das genau der Punkt, bei dem es um radikale gegenseitige Transparenz vs. radikale Privacy geht. Die einen sagen: "Indem wir alle gegenseitig Offenlegen, haben wir die Möglichkeit zu erkennen, daß wir alle nicht immer perfekt sind, und wir haben die Wahl, daran entweder zu wachsen und bessere Menschen zu werden, oder zu lernen einander zu vergeben." (Das ist Schmidt)
Die anderen sagen: "Das ist eine gefährliche Utopie und mir zu risikoreich, ich will da nicht mitmachen." (Das sind die, die sich über Schmidt aufregen)
Und die Technik sagt: "Ich funktionier halt so, ihr könnt gerne unrealistische Annahmen machen, mir egal. Das tut es halt mehr weh, wenn ihr lernt." (Das ist McNealy)
Insofern halte ich mich aus der Diskussion raus - McNealy hat Recht, und es ist nicht notwendig, ungefragt viel dazu zu sagen, wenn ich schon vorher sehen kann, welche Erfahrungen alle im Laufe der Zeit machen werden.
Und lebe mein Spacko-Leben: Ich persönlich habe auch mein ganzes Leben lang sehr positive Erfahrungen damit gemacht, mich zu publizieren.
Mir ist klar, daß ich als jemand, der von der Arbeit mit Technik lebt, nicht umhin kann, eine kilometerbreite Datenspur über diesen Planeten zu legen, wenn ich in der Lage sein will, meinen Job gut zu machen. Das Beste, was ich tun kann, ist das Highlight auf diesen Daten so zu setzen und die Interpretationen meiner Daten anzulegen, daß sie ein positives Licht auf mich als Person werfen.
In diesem Sinne bin ich ein Post-Privacy-Spacko. Schon immer gewesen: auch dann, wenn ich mich nicht an der Diskussion beteilige und auch damals, als es den Begriff noch nicht gab, habe ich wie einer gelebt - leben müssen. Und halte Popcorn bereit.
und stelle fest, daß Friedrich da eben einen großen Schritt in die vorhergesagte Richtung getan hat.
Bürgerliquid
Auf und nach der gestrigen Landesmitgliederversammlung der Piratenpartei Berlin wurde viel über LiquidFeedback (LQFB) gesprochen. Die Fraktion benötigt ein Tool, das verlässliche, überprüfbare Ergebnisse hervorbringt. Das geht natürlich nur, wenn alle Teilnehmer überprüfbar akkreditiert und identifizierbar sind. Zudem wurde auf der Landesmitgliederversammlung immer wieder betont, dass die Fraktion nicht nur die Piraten vertritt, sondern alle Berliner.
Da drängt sich doch der Gedanke auf: Warum macht die Fraktion kein Bürgerliquid, also eine LiquidFeedback-Instanz, an der jeder Berliner teilnehmen kann? Ich glaube, dass das möglich und wünschenswert ist.
Akkreditierung
Als großes Problem wird immer die Akkreditierung angesehen. Wie kann sicher gestellt werden, dass jemand echt ist und auch immer noch in Berlin wohnt? Es wird behauptet, man müsse auf das Melderegister zurückgreifen. Das ist meines Erachtens nicht nötig. Wer mitmachen will, der akkreditiert sich auf einer Akkreditierungsversammlung oder zum Beispiel in der Geschäftsstelle der Fraktion, wenn das Liquid von der Fraktion betrieben wird (was sich anbietet). Da die Liquid-Teilnehmer so etwas sind wie Parlamentarier, gilt die Akkreditierung bis zum Ende der Legislatur, denn auch den nicht-virtuellen Parlamentariern wird das Mandat nicht entzogen, wenn sie umziehen. (Für das seltenere Ausscheiden durch Tod kann man eine Art „Totmannknopf“ einführen, also die Notwendigkeit, sich mindestens einmal pro Jahr einzuloggen.) Welche Daten bei der Akkreditierung erhoben werden, kann die Fraktion als Betreiber entscheiden – nach Möglichkeit nach den Vorgaben des Abgeordnetengesetzes, da die Teilnehmer ja so etwas sind wie erweiterte Abgeordnete. Dabei müssen natürlich nicht alle Daten sichtbar im System gespeichert werden. Zu Beginn einer neuen Legislatur kann dann die Akkreditierung verlängert werden, wenn die neue (im Erfolgsfall größere) Fraktion auch wieder ein Liquid betreiben will – oder vielleicht will ja dann eine andere Fraktion oder gar die Regierung so etwas machen.
Mögliches praktisches Vorgehen
Die Fraktion könnte eine Liquid-Instanz aufsetzen und erst mal im Testbetrieb fahren. So nach sechs Monaten könnten (wenn alles gut läuft) Parlamentarier eine Erklärung abgeben, dass sie die Ergebnisse der Instanz als verbindliche Empfehlungen ansehen, d.h. dass sie es ausführlich begründen wollen, wenn sie von den Empfehlungen abweichen. „Parlamentarische Zwänge“ wären da eine zu schwache Begründung. Da in sechs Monaten gerade das Sommerloch ist, könnte dieser Schritt für erhebliches Aufsehen sorgen. Ich würde mich freuen, wenn dann z.B. Frank Rieger in der FAZ mit schönen Schaubildern das Funktionieren von LQFB kritisch beleuchten würde. Der Spiegel macht dann vielleicht ein Portrait über die Kommunikationspiraten Monika Belz. Insgesamt dürfte zu dem Zeitpunkt genug Interesse in der Öffentlichkeit geweckt sein. Übrigens könnten nicht nur Piraten-Parlamentarier eine solche Erklärung abgeben. Zumindest innerhalb der Opposition könnte es da weitergehendes Interesse geben. Bei der Regierungskoalition gäbe es wohl nur einen, auf dessen Verstand man hoffen könnte: Sven Kohlmeier.
Glaskugel
Ein paar Hundert aktive Berliner werden schon zusammen kommen, vielleicht auch ein paar Tausend. In jedem Fall würden viele dort reingucken und Journalisten würden den Regierenden unangenehme Fragen stellen. Man stelle sich vor, da würde zum Beispiel ein alternativer Haushalt entstehen. Es könnte gelingen, die Politik bis zur nächsten Berlinwahl nachhaltig zu verändern. Diese Veränderung, die die klassische Parteienpolitik schwächen würde, wäre wahrscheinlich die größte seit der französischen Revolution. Ich stelle mir gerade vor, wie Klaus Wowereit 2016 sein Spieglein an der Wand fragt, wer denn der einflussreichste Politiker im Land Berlin sei und das Spieglein antwortet: „Du, Klaus, aber hinter den 14 Piraten, die Bürger im Liquid, die sind noch viel einflussreicher als du.“
Update: Ja, ich weiß, es sind 15 Piraten. Da hat mir meine Glaskugel einen Streich gespielt. Bitte entschuldigt!
Warum ich nicht mehr für das Berliner Schiedsgericht kandidiere
These: Den Piraten fehlt kein Chefideologe
Hanno Zulla schreibt auf Google Plus: "These: Den Piraten fehlt ein Chefideologe".
Gwenn Dana hat anderswo einmal eine ganz wunderbare Urheberrechts- und Markenverletzung begangen, um den zentralen Irrtum von Hanno klar zu machen.
?Marina Weisband hat unter anderem genau das verstanden, und korrekt die Konsequenzen gezogen (plus weitere gute Gründe, die dringend zu respektieren sind).
Und das ist auch genau einer der Gründe, warum ich mich da nirgendwo vorne hin stelle. Ich gehöre da genau so wenig hin (plus weitere gute Gründe, die ich zu respektieren bitte).
Dies ist eine Schwarmaktion, und wir alle tun gut daran, auch als Gesellschaft den Umgang damit zu erlernen.
Ein Freund von mir hat mir einmal erklärt, daß es eines der Kennzeichen der Industriealisierung ist, daß ein Werk genau nicht mehr mit dem Namen seines Herstellers verknüpft ist (das ist eines der Kennzeichen von Handwerk). Was die Piraten hier tun (wollen) ist, den politischen und gesellschaftlichen Diskurs zu industriealisieren.
Liquid Feedback ist eine der dazu notwendigen Maschinen, Blogs, soziale Netzwerke und dergleichen sind weitere solche Maschinen. Und nun müssen wir unsere Willens- und Meinungsfindungsprozesse an diese veränderte Produktionssituation anpassen - nicht nur die Medien haben damit offenbar noch Probleme, auch in den Köpfen vieler Individuen laufen noch Handwerksprogramme.
Upgrade now.
Piratenpartei: Das Problem mit ACTA
Jörg Heidrich, der Justiziar des Heise-Verlages, bewertet das Streitgespräch zum Thema ACTA zwischen Frank Ramond als GEMA-Vetreter und Roland Jungnickel von der Piratenpartei Bayern als für die Piraten enttäuschend, und er hat Recht.
Der erste Punkt gegen ACTA ist, daß ACTA durch einen vollständig undemokratischen Prozeß zustande gekommen ist. Es handelt sich um von Lobbyisten gekaufte Meta-Gesetzgebung, die durch nichts legitimiert ist, und schon dieser Prozeß entwertet ACTA aus formalen Gründen. Daneben gibt es auch eine Menge inhaltliche Probleme, die es unmöglich machen, ACTA jemals zu legitimieren.
Der zweite Punkt gegen ACTA ist, wie die FAZ auch anspricht, daß es bei ACTA weder um Schutz des Verbrauchers noch um den Schutz von Urhebern geht. ACTA ist ein Abkommen, das nationaler Gesetzgebung den Weg bereiten soll, die Rechteverwertern das Einkommen sichert.
Und dabei geht es, Punkt drei, nicht primär um ACTA: ACTA ist nur ein Baustein einer organisierten Kampagne zur Verschärfung von Gesetzen zum Schutz von Rechteverwertern, nicht Urhebern, und mit dem Stop von ACTA wird es noch lange nicht enden.
Daher gibt es eine Bewegung, die versucht, kollaborativ einen The Free Internet Act zu schreiben, als Gegenbewegung zu ACTA, SOPA, IPRED2 und anderen Initiativen der Rechteverwerter-Lobby. Während diese Idee eher US-zentrisch ist ("Congress shall make no law, ..."), so ist sie doch auch auf die EU oder nationale Ebene übertragbar, und wert, weiter verfolgt zu werden.
Und das, liebe Mit-Piraten, ist die Argumentationslinie und Stoßrichtung, die unsere Partei ausarbeiten muß. Damit etwas zu erreichen ist ein hartes Problem, denn am Ende wird man recht elementare internationale Verträge teilweise in Frage stellen und neu verhandeln müssen, wenn man etwas erreichen will. Daran führt kein Weg vorbei.
Laßt es uns tun. Vielen Dank.
Politik und Verantwortung
Ich schrieb gestern:
Es gibt in der Partei zwei unvereinbare Auffassungen von Politik und Verantwortung. Eine wird sich durchsetzen. Welche, wird man sehen.
— Klaus Peukert (@tarzun) Februar 19, 2012
Was meinte ich damit? Kurz gefasst verläuft die Grenze zwischen Leuten, die meinen, man muss anonym Politik mitbestimmen und gestalten können und Leuten, die der Auffassung sind, das das eben nicht funktionieren kann. Das sind einmal die, die geheime Abstimmungen über Sachthemen auf Parteitagen fordern, weil Leute für ihre politische Meinung ausgebuht werden. Und andere, die sagen, das die Gestaltung von Politik automatisch mit der Übernahme persönlicher Verantwortung einhergeht. Auch heißt es: Einfache Parteimitglieder sind keine Politiker und das ist weder richtig falsch noch richtig richtig.
Aber, was kann denn ein einfaches, "anonymes" Parteimitglied in einer "klassischen" Partei tatsächlich mitgestalten? Überraschung: Nichts. Mit zwei Ausnahmen: Man darf Delegierte wählen und man darf ab und zu mal an ner selten Urabstimmung teilnehmen, beides Dinge, die geheim funktionieren und auch geheim vorgesehen sind. Tatsächliche inhaltliche Entscheidungen treffen bei anderen Parteien aber die Delegierten auf Delegiertenversammlungen. Gewählte Repräsentanten. Mit Namen und Gesicht. Und mit Verantwortung für ihre Entscheidung. Bauen sie Mist, werden sie nicht wiedergewählt.
Die Trennung zwischen Mitglied und Repräsentant ist da also offensichtlich und auch trivial leistbar. Will ich "anonym" bleiben, meine Meinung über unverbindliche Stammtische, Treffen, AGs oder sonstige lose Parteistrukturen hinaus nicht öffentlich machen: Dann kandidiere ich nicht als Repräsentant und alles ist schick. Der Preis dafür ist, das ich allerdings an den letztlichen Entscheidungen zu den Parteipositionen nicht teilnehmen kann, weil ich halt "nur" Mitglied und kein Delegierter bin. Aber das ist OK, das nehme ich in Kauf, das ist mir bewusst.
Davon fundamental verschieden ist nun die Piratenpartei, die aus gutem Grund auf ein klassisches Delegiertensystem verzichtet. Die Grenze zwischen Parteimitglied und Repräsentant existiert da schlicht nicht, und das ist genau die Ursache für den Konflikt beider Gruppen. Die einen sagen "Mit Eintritt bist Du Politiker, spätestens aber wenn Du auf dem Parteitag mitentscheidest und den Kurs dieser Partei mitbestimmst". Die anderen "Einfache Parteimitglieder müssen anonym bleiben können, deswegen müssen auch Sachentscheidungen geheim funktionieren". Tja, aber was stimmt denn nun? Welche Rolle spielt denn ein Pirat, der zum BPT fährt und übers Urheberrecht, Teilhabe oder Freies Wissen abstimmt?
Ist er sein eigener Repräsentant? Impliziter Delegierter des Teils der Partei, welcher nicht zum BPT fahren kann oder will? Weiterhin einfaches Mitglied ohne sich aus der Teilnahme ergebende Pflichten oder Verantwortungen? Diese Fragen sind für uns innerparteilich noch nicht beantwortet und egal auf welcher Seite des Grabens man steht, es ist verdammt wichtig, dies mal endlich zu tun. Denn wenn einem bewußt wäre, das man als (freiwilliges) Mitglied des Parteitags (freiwillig) politische Verantwortung übernimmt, dann kann man selbstbestimmt die Entscheidung treffen, im Zweifel nicht hinzufahren, weil man für bestimmte Dinge nicht offen einstehen kann oder will.
Dann lösen sich auch die Probleme mit den vermeintlich notwendigen geheimen Sachabstimmungen: Die braucht man dann nämlich nicht mehr. Dann ist auch die "Gefahr" weg, das ein BPT nur ein gutes Dutzend Anträge bearbeiten kann, weil alle geheim abgestimmt werden und man jedesmal ne Stunde für braucht. Aber auch "andersrum" wäre es hilfreich: Man weiß dann eben, das ein BPT nur wenig schafft, weil prinzipiell alles geheim passieren könnte. Kann man ja auch mit umgehen, man muss es halt nur vorher wissen. Aber die Partei muss hier für sich selber eine Entscheidung treffen, und auch wenn mir das mit der "Wer fährt, übernimmt Verantwortung" besser gefällt, es ist fast egal welche Entscheidung fällt, nur eine muss her.
Interessanterweise, und damit haben wir einen schönen Bogen zu einem wichtigen kommenden Punkt des BPT2012.1 in Neumünster, ist genau die Initiative, die das vermeintlich Unmögliche probiert und mit der "Ständigen Mitgliederversammlung (SMV)" ein Parteiorgan mit den Prinzipien der Liquid Democracy bauen will, geeignet den Graben zwischen den beiden Auffassungen zu überbrücken, weil sie Teilhabe für tatsächlich alle ermöglicht. Der "Spacko" kann mit einem "Politikeraccount" mitmachen und der Aluhut mit einem Pseudonym-Hash im System abstimmen (oder gar offline global delegieren und so seine Stimme nutzen).
Ja, es ist nicht die Idealvorstellung. Weder für den LiquidFeedback-Radikalinski, der kompromisslos alles und jeden offen legen will noch für den Anonymous, dem selbst die Accounterstellung für eine Globaldelegation oder eine gelegentliche Stimmabgabe schon zuviel Preisgabe ist. Aber es ist ein guter Kompromiss zwischen den beiden Vorstellungen und ich halte ihn für geeignet, die Kluft zwischen den beiden oben benannten Gruppen wenigstens für die innerparteiliche Positionierung in Sachfragen zu überwinden. Für Satzung/Programm und natürlich für Wahlen bleibt alles wie bisher.
Insofern: Unterstützt die "Initiative 2557" und helft mit, wenigstens ne kleine Brücke über den Graben zwischen den beiden Gruppen zu bauen, wenn wir ihn schon prinzipbedingt nicht zuschütten können. So von wegen zusammen gemeinsame Ziele erreichen usw.
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C is for Cookie, G is for Google
Cookies sind eine gute Sache und sie zu blockieren verhindert sichere Sessions - und damit Funktionen wie Warenkörbe oder Logins. Cookies können auch verwendet werden, um Benutzer zu tracken oder andere fragwürdige Dinge zu tun. Es ist jedoch nicht der Mechanismus Cookie böse, sondern die jeweilige Anwendung ist zu untersuchen.
Cookies sind außerdem kompliziert.
In dem Artikel erzähle ich ja auch etwas über Tracking-Cookies, wie sie zum Beispiel von der IVW eingesetzt werden ("webde.ivwbox.de", "zeit.ivwbox.de" und so weiter - auch Heise setzt diese Cookies ein, und managed diese anders als die Facebook und Google-Cookies nicht mit ihrer Zwei-Klick-Lösung).
Solche Cookies nennt man auch Third Party Cookies. Safari blockiert diese per Default in Übereinstimmung mit RFC 2109 und RFC 2965.
Das ist ein Bug, Bug #35824 im Bugzilla von WebKit. Es ist tatsächlich ein Bug, man lese dazu die Diskussion unter der o.a. Bugnummer, insbesondere Adam Barth und Maciej Stachowiak.
Man beachte auch, daß diese Bugreports älter als G+ sind und sich auf Facebook (und Microsoft) beziehen.
Für diesen Bug gibt es einen Workaround, und der wird von Google Plus, Facebook und Microsoft per Instruktionen der WebKit Entwickler identisch verwendet. Der Workaround ist aber defekt, im Kontext von Google-Domains führt er nicht nur dazu, daß der +1-Button von Google korrekt funktioniert. Er führt unintendiert auch dazu, daß die Banner von Google Anzeigen ebenfalls tracken.
Enter Shitstorm: U.S. Lawmakers Call on FTC to Investigate Google Over Safari Cookies
Google hat das manuell gefixt, der Bugfix für WebKit Bug 35824 muß überdacht werden, und der Shitstorm, der gerade läuft, muß sehr viel mehr differenzieren.
Er muß das, weil dem Ganzen tatsächlich eine recht komplizierte Situation zugrunde liegt, die nicht nur Google, sondern auch Facebook und Microsoft und viele andere Sites betrifft ganz genau so wie Google betrifft - es ist vollkommen kontraproduktiv in diesem Kontext Google herauszuziehen und auf den Konzern alleine einzudreschen.
Der Code und der Fix für Bug 38824 sind von WebKit und Apple.
Microsoft, Facebook und jeder andere, der WebKit gemäß Handbuch einsetzt, macht es ganz genau so wie Google.
Und obwohl sich alle Parteien hier tatsächlich genau an die Empfehlungen gehalten haben, ist es dennoch explodiert .
Weiterführende Info: der der Kollaboration mit Google unverdächtige Lauren Weinstein für die technischen Hintergründe.
Nachtrag: Ich habe noch nie ein iOS Device in der Hand gehabt. Man sagt mir, daß man bei iOS gar keinen Privacy Preferences Dialog hat, in dem man 3rd Party Cookies zulassen könnte. In iOS ist der o.a. gezeigte Safari Haken also immer an, d.h. ein nicht reparierter Bug 35824 zerbricht Microsoft, Facebook und Google auf allen iOS Devices.
Piraten suchen den Superpräsidenten
Da isser nu weg, der Wulff. Und zwei Tage später wurde Gauck ausm Taxi gezerrt und musste ungeduscht seine Inthronisation durch die Einheitspartei Deutschlands (ironischerweise ohne die LINKE) erdulden. Aber seis drum. Die Internetmeute, die Gauck damals noch so toll fand (bei leiser Kritik) hat sich nun gewendet (haha, "Wende", vaasteeste, Gauck, Wende!) und findet ihn ungeeignet, unwählbar und den Untergang des Abendlandes, während die "Na, wie schlimm solls schon werden"-Fraktion diesmal die Minderheitenrolle einnimmt.
Im Gegensatz zu 2010 können aber diesmal die Piraten nicht nur wütend mit der Twitterfaust schütteln, sondern mit zwei, von der Berliner Fraktion nominierten, Wahlmenschen sogar (bis zu) zwei Bundespräsidentenkandidaten vorschlagen. Und da wirds interessant. Der in Internetkreisen bekannte Blogger Felix von Leitner versuchte bspw. die Piraten mit einem Stakkato von Blogbeiträgen vor sich her zu treiben und zu erzwingen, das diese Georg Schramm nominieren. Funktioniert nicht, Piraten sind jetzt die Verlierer, die Revolution gescheitert und überhaupt. Naja, gibt ja noch mehr Namen. Papier. Zoidberg. Fefe (hihi) usw. Ich hab auch einen für Euch:
Ja, der Nikolaipfarrer, Gesicht der friedlichen Revolution von 1989. Da nun Gauck als quasi gewählt feststeht, kann man bei aller gebotenen Ernsthaftigkeit ja durchaus mal ein Symbol setzen und deutlich machen, das das "Allparteien"-Gekungel vor der Nominierung eher so meh ist. Und Christian Führer als Kandidat hat aus meiner Sicht den Charme, das er nicht, wie Schramm, ein "einmal-auf-den-Putz-hauen-weil-wir-es-können"-Kandidat, sondern quasi das "Weißer Ritter"-Spiegelbild zum "Dark Knight" Gauck ist.
DDR-Bürgerrechtler. Pfarrer. Aktivist der ersten Wendestunde. Und so weiter. Beide teilen große Gemeinsamkeiten auf dem "früheren" Lebensweg. Nur das Führer nicht Richtung "VDS ist knorke", "Occupy doof" und "Sarazzin mutig" abgebogen und zielgerichtet ins netzpolitische Fettnäpchen gestiefelt ist.
Christian Führer.
/discuss
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Nachdem mich wieder so viele Leute um eine sprachliche Bewertung der Rücktrittsrede von Christian Wulff gebeten haben (Youtube), komme ich diesem Wunsch hier nach, obwohl die sehr kurze und trocken abgefasste Rede nicht soviel hergibt wie andere.
Durch die Wahl des Perfekts gleich im ersten Satz – und im weiteren Verlauf durch das Präteritum – ist von vornherein klar, dass Wulff zurücktreten wird, das macht die Rede von Anfang an unspannend.
Die Rede ist sehr persönlich gehalten. Diesmal kommt das impersonale Pronomen man nicht vor. Dafür umso häufiger die erste Person Singular. An zwei Stellen sagt Wulff sogar: „Ich bin davon überzeugt, dass …“, benutzt also eine Formulierung die den persönlichen Charakter der Aussage noch unterstreicht, denn seine Überzeugung hätte er äußern können, ohne sie mit so einer performativen Formel einzuleiten:
„Ich bin davon überzeugt, dass Deutschland seine wirtschaftliche und gesellschaftliche Kraft am besten entfalten und einen guten Beitrag zur europäischen Einigung leisten kann, wenn die Integration auch nach innen gelingt.“
Er hätte genauso gut sagen können:
Deutschland kann seine wirtschaftliche und gesellschaftliche Kraft am besten entfalten …
Die prominente Nennung der Wirtschaft an dieser Stelle zeigt im Übrigen noch einmal, wem sich Christian Wulff verpflichtet fühlt.
Auch die erste Person Plural wird verwendet, zweimal inklusiv mit Bezug auf ‚wir Deutschen‘: „wir gestalten unsere Zukunft gemeinsam“, „Unser Land“. Nur als es um die Medienberichte geht, verwendet er es exklusiv mit Bezug auf „meine Frau und ich“.
Auf dem Höhepunkt der Rede wählt Wulff ungewöhnliche Formulierungen: „Aus diesem Grund wird es mir nicht mehr möglich, …“ Hier beißt sich das Verb werden, das eine Veränderung anzeigt mit dem Adverb mehr, das eine zeitliche oder quantitative Begrenzung bezeichnet. Bei der Formulierung: „Ich habe in meinen Ämtern stets rechtlich korrekt mich verhalten.“ ist das späte Auftreten des Objektpronomens auffällig, das eigentlich nach dem Hilfsverb habe stehen sollte. Vielleicht hatte er zunächst: „Ich habe … korrekt gehandelt.“ sagen wollen, wobei die Wahl von „mich verhalten“ die Bedeutung von korrekt auf interessante Weise verschiebt:
Das Adjektiv korrekt bedeutet eigentlich ‚richtig, fehlerlos‘, in Verbindung mit sich verhalten kann es auch ‚fair, angemessen‘ bedeuten (was allerdings nicht zu der Modifizierung mit rechtlich passt). Nur so lässt sich der Widerspruch erklären, der in Wulffs zentraler Aussage steckt:
„Ich habe in meinen Ämtern stets rechtlich korrekt mich verhalten. Ich habe Fehler gemacht, aber ich war immer aufrichtig.“
In der Grundbedeutung von korrekt wäre: „Ich habe Fehler gemacht“ ein deutlicher Widerspruch. Interessant ist dabei, dass korrekt und aufrichtig etymologisch verwandt sind. Beide – Aufrichtigkeit und rechtliche Korrektheit – bleiben allerdings noch zu prüfen.
Der allerletzte Satz gibt Rätsel auf:
„Und ich wünsche allen Bürgerinnen und Bürgern, denen ich mich vor allem verantwortlich fühle, eine gute Zukunft und schließe Sie alle dabei ausdrücklich mit ein.“
Unklar ist hier, wer und was mit der abschließenden Formulierung gemeint ist: „und schließe Sie alle dabei ausdrücklich mit ein.“ Die anwesenden Journalisten? Das erscheint nicht sehr sinnvoll, denn sie sind ja eh Bürgerinnen und Bürger. Der Sinn der Formulierung bleibt offen, vielleicht wurde sie deshalb auch in der Wiener Zeitung weggelassen.
Trotz des Rätsels im letzten Satz ist es ein eher langweiliger Text, wie man ihn von Christian Wulff erwartet hatte.
Update: Nach den vielen Kommentaren hab ich mir das Video noch mal angesehen. Es sieht tatsächlich so aus, als meine Wulff am Ende die anwesende Presse. Gut, eine Captatio benevolentiae (‚Einfangen von Wohlwollen‘) in Richtung Presse passt natürlich ans Ende seiner letzten öffentlichen Äußerung als Bundespräsident – und vielleicht überhaupt, denn wer will ihm jetzt noch zuhören?
Kimawandel
Das Jahr 2011 war das erste Jahr, indem der Mitmacheifer der Netzgemeinde bei politischen Diskussionen im Mainstream sichtbar wurde. Dies hat zu einem Wandel des politischen Klimas geführt: Es kommt zu regelmäßigen Stürmen aus Scheiße.
Schreibt die FAZ zu ACTA:
Die frisch entflammte Liebe zur Transparenz ist das Ergebnis eines Kulturschocks. „Shitstorm“ nennen Blogger das, was in den zwei Wochen der Koalition um die Ohren flog. Das Wort wird sich zu merken sein.
In der Tat.
Der Anglizismus des Jahres 2011: Shitstorm.
Path, Hashing und was ist eigentlich das Schutzziel?
Path ist ein neues Social Network, das bei den ganzen Silicon Valley Insassen und ihren Exilianten im St. Oberholz gerade sehr populär ist und das sich dadurch auszeichnet, daß es die Anzahl der Kontakte willkürlich begrenzt und daß es bedeutungslose Kleinigkeiten automatisch shared ("Ich geh jetzt ins Bett.").
Path zeichnet sich auch dadurch aus, daß es genau wie Facebook das Adreßbuch des Telefons automatisch aberntet und zu Path hoch lädt. Durch das Matchen von Email-Adressen und Namen kann es Neuankömmlingen auf Path dann einen Haufen neue Freunde vorschlagen, die diese sich sorgfältig einteilen müssen (wegen des Limits).
Als die ganze Sache dann aufgeflogen ist, war das sogar bei den Amis ein "Datenschutzskandal" und Path mußte sich entschuldigen.
Der Apple-Entwickler und Mit-Editor von Tap!, Matt Gemmell, hat nun einen Artikel darüber geschrieben, wie man den Adreßbuch-Upload vermeiden und dennoch das außerhalb von Path existierende Beziehungsnetzwerk innerhalb von Path automatisch konstruieren könnte.
Sein Vorschlag ist recht offensichtlich:
- Die App geht auf dem Telefon das Adreßbuch durch und extrahiert die Informationen, die sie braucht, um eine Person in einen Principal umzuwandeln. Dies sind in den meisten Fällen Name/Geburtsdatum oder Email-Adressen.
- Die App wandelt diese Daten in eine kanonische Form um, etwa indem alle @googlemail.com-Suffixe von Mailadressen in @gmail.com gewandelt werden.
- Die App berechnet über das kanonische Datum eine Prüfsumme, etwa einen MD5 oder SHA1.
- Nur diese Prüfsummentokens werden hochgeladen, Namen und Email-Adressen nicht.
Path hat nun kein Verzeichnis von Namen und Mailadressen meiner Kontakte mehr auf seinen Servern.
Wenn sich einer meiner Kontakte auf Path anmeldet, kann Path mit Hilfe des Namens und Geburtsdatums oder mit Hilfe der Adresse auch dort die Prüfsumme berechnen und nachsehen, ob diese Prüfsumme irgendwo von mir erwähnt worden ist. Wenn ja, kann Path mich dem Freund vorschlagen oder den Freund mir, sobald ich mich das nächste Mal einlogge.
Path kann mit diesen Prüfsummen sogar ein soziales Netz über Dritte konstruieren, die Path gar nicht bekannt sind: Wenn ich 35ab...e67b als Freund habe und Cornelius Fault ebenfalls 35ab...e67b als Freund hat, dann liegt es nahe, eine Beziehung von Cornelius zu mir über 35ab...e67b zu konstruieren, selbst dann, wenn die Identität von 35ab...e67b dem Netz nicht bekannt ist. Laufen auf diese Weise nur genug Verbindungen über die unbekannte 35ab...e67b Identität, wird sie vermutlich für "Bedarfsträger" recht schnell ratbar.
In meinen Augen ist das eine ganz wunderbare Idee, denn sie trennt die eigentlichen Stammdaten von den Beziehungsdaten eines sozialen Netzes. Damit zwingt sie die Datenschützer nun dazu, sich zu überlegen, was eigentlich das Schutzziel ist:
Störe ich mich daran, daß Kontakte von mir meinen Namen und meine Mailadresse einer dritten, kommerziellen Entität bekannt machen, diese also für welchen Zweck auch immer eine gigantische Namensliste und ein Adreßbuch hat?
Oder störe ich mich daran, daß Kontakte von mir mein Soziales Netz gegenüber einer dritten, kommerziellen Entität bekannt machen und meine Identität so ratbar machen, selbst wenn ich dort nicht Mitglied bin und diese dritte Partei mich namentlich gar nicht kennt?
Das heißt, der Datenschutz muß sich unter dieser Technik jetzt einmal über das gewünschte Schutzziel klar werden (Was ist hier eigentlich die Bedrohung?) und kann dann formulieren, ob die von Matt vorgeschlagene Maßnahme sinnvoll und geeignet ist, um diese Bedrohung abzuwehren.
URL-Sturm: ACTA
Ok, nur eine Brise.
- Warum polarisiert ACTA? - Thomas Stadler schreibt einen sehr lesenswerten Artikel über den Disconnect zwischen Politik und Bevölkerung.
- Aufstand der Generation Internet - Die FAZ zum selben Disconnect: »Die frisch entflammte Liebe zur Transparenz ist das Ergebnis eines Kulturschocks. „Shitstorm“ nennen Blogger das, was in den zwei Wochen der Koalition um die Ohren flog. Das Wort wird sich zu merken sein. Aus der Unionsfraktion heißt es, Acta habe „kein Einziger auf dem Schirm gehabt“. Nun dämmert es vielen: Schwarz-Gelb ist offline. Angesichts der Wahlerfolge der Piratenpartei macht das den Politikern vor allem eines: nackte Angst.«
- Unterdessen: Europäische Kommission zeigt sich von ACTA-Protesten unbeeindruckt - "Ihr seid nur zu blöd zum lesen", äh, » In den Protokollen werden die Straßenproteste wie die Aktionen gegen Regierungs-Webseiten in Österreich und Tschechien als Aktionen der Netzgemeinde bewertet, die durch mangelhafte Informationen entstanden seien. Als wichtiges Datum für die Aufklärungsarbeit sei die geplante öffentliche ACTA-Anhörung im Europäischen Parlament am 1. März von größerer Bedeutung. Man müsse die Abgeordneten davon überzeugen, dass die Proteste nicht berechtigt sein und ihr Ja zu ACTA für die Plenarabstimmung im September festigen.«
- Die Kinder der digitalen Revolution - »Die europaweiten Proteste gegen Acta machen jetzt viele Politiker nachdenklich. So viele junge Leute hatten sie nun wirklich nicht erwartet. Und wer Augen hatte, konnte sehen, dass der Protest weit über Acta hinaus ging. Der Unmut richtete sich generell gegen die Art, wie in Europas Amtsstuben Politik gemacht wird.« (Hervorhebung von mir). Das ist ein Aspekt, der in vielen anderen Kommentaren zum Thema zu kurz kommt: Es geht nicht nur um die Inhalte von ACTA, sondern auch um die antidemokratische, verlogene und heimtückische Art, in der dieses Abkommen Lobbyisten ihre Interessen in Gesetze gießen läßt.
Der aktuelle Stand beim Jugendschutz
Die KJM erkennt zwei Jugendschutzfilter an, schreibt Heise. Der eine Filter ist das Filterprogramm des Vereins JusProg, Telepolis testete das schon mal. Das andere eine Software von der Deutschen Telekom, die es für T-DSL Kunden dazu geben wird.
Die KJM jubelt natürlich, aber Holger Bleich setzt das alles in einem ausgezeichneten Artikel in einen historischen und einen wirtschaftlichen Kontext.
Lesebefehl!
ACTA
Die Demo läuft jetzt gerade in Berlin.
ACTA ist insbesondere deswegen ärgerlich, weil das Abkommen bewußt verheimlicht wurde und unter Umgehung normaler politischer Wege von Lobbyorganisationen ausgeklüngelt wurde. Beim ORF findet man eine schöne Übersicht, wie ACTA auch als ein Abkommen symbolisiert, mit dem sich Konzerne ihre Partikularinteressen in Gesetze gießen lassen.
Neben Polen, Tschechien und Lettland hat nun auch Deutschland die Ratifizierung des Abkommens ausgesetzt. Die Gründe, die dafür angegeben werden, sind jedoch im Fall Deutschland rein formaler Natur: Man will einer Abstimmung des EU-Parlamentes nicht vorgreifen. Inhaltlich steht die Bundesregierung hinter ACTA. Darum die Demo: Unsere Politiker müssen lernen, daß a) ACTA politisch Gift für sie ist und b) diese Art der Ausarbeitung von Abkommen von ihren Wählern generell nicht goutiert wird.
In einer zweiten Aktion, dem Black March wird versucht, der Industrie dieselbe Lektion beizubringen: Industrien, die gegen ihre Kunden vorgehen, haben wirtschaftlich keine Zukunft.
Die ersten Video sind inzwischen auf Youtube, es wird voll:
Tschüss
Ich bin auf den Artikel über das Tschüss-Verbot an einer bayerischen Schule aufmerksam gemacht und um einen Kommentar gebeten worden. Ich glaube, dass die Schulleiterin und ihre Unterstützer in ihrer sprachlichen Bewertung der Grußformeln irren. Es handelt sich nämlich, zumindest in Bayern (und somit anders als in anderen Teilen Deutschlands) bei tschüss! keineswegs um eine unhöfliche Variante von auf Wiedersehen!. Was nämlich gern übersehen wird, ist dass es in Bayern oft noch einen stärker dialektalen Verabschiedungsgruß gibt, der allerdings von Region zu Region variiert. In Oberfranken ist das, je nach Grad der Intimität ade! oder gar adela! (ade und Diminutiv). Damit ist klar, dass wir hier ein Dreier- oder Viereropposition haben:
- auf Wiedersehen!
- tschüss!
- ade!
- adela!
Hier wird schon klar, dass tschüss! eher in den höflichen Bereich gehört, und so habe ich es auch empfunden als ich nach Franken kam. Gerade in kleineren Läden ist es völlig üblich, dass sich einander unbekannte Menschen mit tschüss! verabschieden. Das mag eine Innovation sein, wird aber nicht als unhöflich empfunden. Selbstverständlich hat das tschüss! in Gegenden, wo es keine (dialektalen) familiären Varianten gibt, einen anderen Stellenwert als dort, wo es solche gibt. Gibt es familiärere Formen, avanciert tschüss! zur Normalform, der man mit schulischen Verordnungen nicht den Garaus machen kann.
Bei Begrüßungen ist es noch komplizierter, weil die Auswahlmöglichkeit noch größer ist. Die folgende Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit:
- grüß Gott!/guten Tag!
- hallo!
- servus!
- hi!
- sers!
Die Variante servus! hielt ich vor meiner Zeit in Oberfranken für österreichisch, das ist aber nicht so. Man hört sie nicht so häufig wie in Österreich, aber sie wird unter Freunden durchaus benutzt, wobei ich häufiger hi! höre (womöglich ist mein Freundeskreis nicht repräsentativ). Die Kurzform sers! für servus! war mir unbekannt, bis ich sie vor einiger Zeit gehört und dann auch deutlich wiedergehört und in einer E-Mail sogar gelesen habe. Auch hier zeigt sich deutlich, dass hallo! zur Normalform geworden ist. In Läden, aber insbesondere auf den Fluren der Universität oder in Kneipen ist das der normale Gruß. Möglicherweise trägt dazu auch bei, dass es einen Konflikt zwischen grüß Gott! und guten Tag! gibt. Ersteres kommt vielen Reingeschmeckten schwer über die Lippen, letzteres wirkt norddeutsch und fremd in Bayern. Da ist hallo! ein guter Kompromiss.
Anmerkung zur Schreibung von tschüss
Im zitierten Artikel wird tschüss mit nur einem s geschrieben. Das ist zwar nach Duden und Co. eine mögliche Standardorthografie, aber sie ist trotzdem schlecht, da sie eine falsche zugrundeliegende Form suggiert. Manche Sprecher können nämlich Ableitungen aus tschüss bilden, z.B. tschüssi, tschüssing oder gar tschüssikowski. Ich habe alle drei Varianten gehört (nicht in Bayern!), selbst nutzen würde ich höchstens tschüssi – ungern zwar, aber es ist für mich eine korrekte Ableitung. Das bedeutet, dass ein stimmloses s zugrundeliegt, demnach ist die Schreibung mit ss vorzuziehen.
Kristian Köhntopp - nackt! (oder: Open in Public Day)
Morgen ist der vom Europarat ausgerufene Data Protection Day. An diesem sollen Menschen über die Sammlung und Weiterverarbeitung „ihrer“ Daten und ihrer diesbezüglichen Rechte aufgeklärt werden. Unterdessen ist Viviane Reding dabei, am europäischen Datenschutz rumzubasteln (siehe auch hier).
Die Spackeria ruft für morgen stattdessen den Open in Public Day aus und ruft dazu auf, ein von Datenschützern viel bemühtes "Risikoszenario" einmal auszuprobieren:
Der „Open in Public Day“ findet ebenfalls am 28. Januar statt und soll den Menschen den Wert gemeinsamer, offener und freier Daten und Kommunikation illustrieren. Anstatt uns in unseren Häusern und Wohnungen zu verstecken in Angst, „unsere“ Daten könnten in die Öffentlichkeit gelangen, treten wir frei in die Öffentlichkeit.
Damit wir alle den Tag gemeinsam erfahren und erleben können, greifen wir ein bekanntes Datenschutzmem auf: Peinliche Fotos in sozialen Netzwerken.
Am „Open in Public Day“ veröffentlicht jeder Teilnehmer und jede Teilnehmerin ein „peinliches“ Foto von sich in seinem/ihrem Blog oder auf seinem/ihrem Profil in sozialen Netzwerken. Das können die gefürchteten „Partybilder“ sein, Dokumentationen der eigenen modischen Fehltritte oder von persönlichen Fails. Die Bilder werden öffentlich gepostet und wenn möglich auch mit dem eigenen Namen/Profil (durch Tagging) verbunden. Am besten verbreitet Ihr dann Euer Foto nochmal auf allen Kanälen (verwendet den Hashtag #oipd12). Setzt einen Trackback auf diesen Post oder postet Euren Link in den Kommentaren, damit wir ein Netz aus allen diesen Bildern herstellen können.
Hier also ein nicht autorisiertes Foto aus Studienzeiten, das eine Freundin einmal von mir gemacht hat:

Das Wulff-Interview
Da auf Twitter viele gewünscht haben, dass ich das heutige Interview mit Christian Wulff aus sprachlicher Sicht kommentiere, werde ich hier ein paar kurze Anmerkungen machen. Natürlich ist dabei zu berücksichtigen, dass es sich um ein Interview und nicht um eine Rede handelt. Da bei mehr oder weniger spontanen Interviews der Sprecher nicht sehr kontrolliert spricht, wäre vielleicht ein Psychologe gefragt, die Formulierungen zu kommentieren.
Wulffs Ich
Im Interview geht es um Wulff selbst, also ist zu erwarten, dass er häufig das Pronomen ich verwendet. Doch oft (in über einem Drittel der Fälle) spricht er von man anstelle von ich:
Vielleicht muss man die Situation auch menschlich verstehen, wenn man im Ausland ist, in vier Ländern in fünf Tagen und zehn Termine am Tag hat und erfährt, dass Dinge während dieser Zeit in Deutschland veröffentlicht werden sollen, wo man mit Unwahrheit in Verbindung gebracht wird. Wo man also Vertrauensverlust erleidet, dann muss man sich auch vor seine Familie stellen, wenn das Innerste nach außen gekehrt wird, private Dinge, eine Familienhausfinanzierung, wenn Freunde, die einen Kredit gegeben haben, in die Öffentlichkeit gezogen werden, dann hat man Schutzfunktionen, und man fühlt sich hilflos.
Das erste man in diesem Absatz meint Außenstehende, um dann noch im selben Satz auf den Sprecher zu referieren („wenn man im Ausland ist“); „man“ handelt hier in Reaktion auf die Presse, die aber nicht genannt wird, sondern nur implizit in Passivkonstruktionen auftritt (offenbar sollen sich die Journalisten, die ihn interviewen, nicht provoziert fühlen). Die Verwendung von man, die sich im Text noch fortsetzt, soll den Handelnden als Opfer von Ereignissen und Umständen darstellen, mit dem sich Außenstehende identifizieren sollen. Daher wird das unpersönliche man später auch durch das unpersönlich verwendete Anredepronomen Sie ersetzt:
Wenn Sie die Erfahrung machen, dass privateste Dinge aus dem privatesten Bereich, zum Teil Jahrzehnte zurückliegend, aus einer schwierigen Kindheit, einer schwierigen Familie, öffentlich gemacht werden und Sie kurz vor Veröffentlichung mit den Fakten konfrontiert werden, dann ist es doch normal, dass man darum bittet, noch mal ein Gespräch zu führen.
Hier kehrt er auch gleich wieder zum man zurück. (Die Hyperbel privatest kommentiere ich mal nicht.)
Leider ist die Verwendung von man in Verbindung mit „als Staatsoberhaupt“ oder „als Bundespräsident“ weniger gelungen, denn auch wenn es heißt: „wir sind Papst“ ist „man“ eher nicht Staatsoberhaupt. Es soll ausgedrückt werden: auch ein Bundespräsident sei nur ein Mensch (wieder mit man):
man muss eben als Bundespräsident die Dinge so im Griff haben, dass einem das nicht passiert. Trotzdem ist man Mensch und man macht Fehler.
Auch im Zusammenhang mit den ihm gestellten Fragen, verwendet Wulff wieder das impersonale Sie:
Wenn Sie 400 Fragen bekommen. Wir [!] haben inzwischen 400 Fragen durch die von mir beauftragten Anwälte […] Also bei 400 Fragen und wenn gefragt wird, was es zu essen gab, bei Ihrer ersten Hochzeit und wer Ihre zweite bezahlt hat und ob Sie den Unterhalt für Ihre Mutter gezahlt haben und ich könnte jetzt tausend Sachen mehr nennen und wer die Kleider für Ihre Frau gezahlt hat […]
Auch in diesem Sie steckt die Implikatur: Das könnte auch Ihnen passieren, was würden Sie denn anderes tun? – Es geht also darum, die Hörer dazu aufzufordern, sich mit dem Sprecher zu identifizieren und alles als „normal“ zu akzeptieren (das Wort normal fällt ja auch im Zitat weiter oben).
Antonymie und Polysemie
Wulff hatte in seiner vorweihnachtlichen Erklärung gesagt, der neue Kredit sei „festgeschrieben“. Das Wort ist etwas seltsam in dem Zusammenhang, weil Verträge ja meist unter- und nicht festgeschrieben werden. Inzwischen ist bekannt, dass die Unterschrift erst Ende Dezember erfolgte und der Vertrag erst am 16. Januar in Kraft treten wird. Also interpretiert Wulff festgeschrieben jetzt mit der „Handschlagqualität in dem Bereich, wenn man sich mit einer Bank verständigt.“ Mal abgesehen davon, dass Privatkredite von Banken nicht per Handschlag vergeben werden, ist ein Handschlag das Gegenteil (Antonym) von einer Festschreibung.
Als konverse Antonymie wird das Verhältnis der Wörter leihen und (ver-) leihen bezeichnet, die im Deutschen durch unterschiedliche Konstruktionen ausgedrückt wird: sich etwas leihen, jemandem etwas leihen. Wulff verwendet statt ‚sie wollte mir etwas leihen‘: „da wollte Frau Geerkens das Geld bei mir anlegen“ (also ein anderes Antonym von sich leihen). Damit lenkt er ab von einem eigenen Vorteil und stellt die Handlung als einen Vorteil für den Entleiher dar.
Das Wort Bewährung hat eine gewisse Bedeutungs- und Verwendungsbreite (Polysemie): So wird es auch in juristischen Zusammenhängen verwendet. Diese Verwendung des Wortes lehnt Wulff in Bezug auf seine Person ab („den Begriff der Bewährung halte ich für abwegig“), um das Wort dann aber gleich selbst zu verwenden, nämlich in seiner nicht-juristischen, moralischen Bedeutung, und zwar am Ende desselben Satzes:
den Begriff der Bewährung halte ich für abwegig, sondern ich bin jetzt schweren Herausforderungen ausgesetzt, aber man muss eben auch wissen, dass man nicht gleich bei der ersten Herausforderung wegläuft, sondern dass man sich der Aufgabe stellt, und auch weiß, wem es in der Küche zu heiß ist, der darf nicht Koch werden wollen, wie es Harry S. Truman gesagt hat, und deswegen muss man offenkundig auch durch solche Bewährungsproben hindurch..
Er ist also kein Bundespräsident auf Bewährung, sondern ein Bundespräsident auf Bewährungsprobe.
Der Schluss
Das Bild von dem Koch in der Küche ist natürlich ein gelungener Schluss. Möglicherweise hat Wulff schon früher mit dem Ende des Gesprächs gerechnet, denn auch die beiden vorherigen Absätze schließen mit Formulierungen, die zu einem Schluss passen: zunächst das Bibelzitat: „Derjenige, der ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein“. Dann folgt (wohl ausgelöst durch Deppendorfs „zusammengefasst“) noch einmal der Versuch eines Schlussworts, in dem er sich sogar dazu hinreißen lässt zu behaupten, er habe das Amt gestärkt. Hier ist auch wieder der man-ich-Gegensatz interessant, wobei nicht ganz klar ist, ob der das unpersönliche Pronomen hier überhaupt auf sich bezieht:
durch diese Art von Umgang mit den Dingen hat man dem Amt sicher nicht gedient, aber ich bin fest davon überzeugt, dass ich durch eine ganze Reihe von Aktivitäten, in der Amtszeit das Amt des BP wieder gestärkt habe.
Schließlich folgt das Truman-Zitat, das vielleicht mehr als das Bibelzitat die Situation herunterspielt, indem sie zu einer „Herausforderung“ wird, in der „man“ sich „bewähren“ muss („und deswegen muss man offenkundig auch durch solche Bewährungsproben hindurch“).
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