Wir sind Piraten – Tag 7
Alles hat ein mal ein Ende, so auch meine Beteiligung an dieser Aktion. Es hat mir Spaß gemacht, und ich wünsche der Sache viele interessante Nachfolger. Es ist jedoch arbeitsintensiv, wenn man sich jeden Tag einer gewissen Parteiöffentlichkeit präsentiert, sodass ich heute, einem Tag, an dem ich einen Nicht-Piratentermin wahrnehmen muss, der meine Aufmerksamkeit verlangt, eine persönliche Bilanz ziehe.
Wir sind Piraten – find ich gut
Ich habe mich an dieser Aktion beteiligt, weil ich die Idee gut finde. Die meisten identifizieren unsere momentane Schwäche als ein Problem der Außenwirkung – das ist sicherlich nicht falsch. Aber es ist ein Symptom, nicht das eigentliche Problem. Solange wir uns weiter mit uns selbst beschäftigen, ist die Außenwirkung eine Marginalie.
Erinnern wir uns an die Zeit vor und nach der Berlinwahl, die uns zum ersten Mal in ein Länderparlament brachte. Wer im wahlkämpfenden Berlin dabei war – und das waren viele von außerhalb -, der weiß, dass dort alle an einem Strang zogen. Die Berliner haben für ihren Erfolg ganz bitter geackert, waren täglich auf der Straße, haben dauernd Material nachproduziert und es verteilt, und die Auswärtigen machten mit, boten ihnen ihre Hilfe an, die gern genommen wurde. Alle arbeiteten zusammen. Wie wäre das geworden, wenn ein Teil des aktiven Berlinteams das alles boykottiert hätte, weil sie es lieber anders gehabt hätten (vielleicht gab es die sogar - aber man hat sie wenigstens nicht wahrgenommen). Oder wenn die Auswärtigen sich hingestellt hätten und erst mal erklärt hätten, was man da alles anders, schöner und sowieso viel besser hätte machen müssen? Eben. Ich habe in Berlin Leute gesehen mit Blessuren (Stichwort: Leiter), die am nächsten Tag wieder auf der Matte standen, Leute, die täglich am Infostand in dem Bezirk zu finden waren, in dem sie kandidierten, bis sie fast im Stehen einschliefen. Leute, die ihre Gesichter für provokante Thesen hergaben. Kein weichgespültes Blabla, kein Neusprech, kein Zögern. Und kein lautes Genörgel an Gott, dem BuVo und der Welt.
Die Aktion #wirsindpiraten ist für mich eine Gelegenheit, darzustellen, dass es in der Partei immer noch eine Menge Leute gibt, die produktiv arbeiten. Die versuchen, die Sache voranzubringen, ohne sich im täglichen Hickhack zu verlieren.
Schlömer, wer? Pondader, was?
Es wird nie den Vorstand geben, mit dem alle glücklich sind. Live with it, or get a life. Wir hängen uns an Äußerungen auf, die uns nicht gefallen und fluten Twitter und andere uns zur Verfügung stehenden Kanäle damit, als ginge es darum, den Dritten Weltkrieg zu verhindern. Wieso eigentlich? Jemant tätigt eine Äußerung in irgendeiner Zeitung, einem Blog oder – wie Johannes Ponader zuletzt – in einem Podcast, und wir tun, als würde das für immer ins kollektive Gedächtnis der Deutschen eingebrannt bleiben, sodass wir uns ins Gefecht werfen müssen, um diesen Skandal zu tilgen. Oh, bitte. Von den in diesem Lande regierenden Parteien würde keine mehr existieren, wenn das kollektive Gedächtnis diesen Namen verdiente – zumindest, was das Tagesgeschäft angeht. Schweigen wäre ein Zeichen von Intelligenz, aber was tun wir? Wir befeuern die 1001ste fruchtlose Debatte, und das, was tatsächlich im Gedächtnis der Wähler bleibt, ist eine Vorstellung von Uneinigkeit bei den Piraten. Den Schuss hört ihr hartnäckig nicht, nicht wahr?
Das ist parteischädigender als alle Einzeläußerungen, die mit diesem inzwischen überstrapazierten Begriff belegt werden. Es schädigt nämlich die, die wirklich arbeiten, anstatt sich dauernd ihren Befindlichkeiten hinzugeben. Wen etwas stört, der sollte sich aktiv einbringen, um für seine Position zu werben und das, was nicht passt zu ändern. Wir sollten uns von Schnackern, Meckerern und theoretisierenden Schwaflern nicht tyrannisieren lassen. Etwas nur auszusprechen, ändert gar nichts. Ihr wollt es anders haben? Super, dann bringt euch ein.
Das gilt besonders für Unzufriedenheit mit unseren Vorständen. Ach Gott, Bernd Schlömer will auch Wahlkampf mit Köpfen machen? Wenn euch das nicht gefällt, warum setzt ihr dann keine Konzepte entgegen anstelle des ewigen Mimimi? Nur zur Erinnerung: In Berlin wurde genau das gemacht, wofür der Vorsitzende warb (nein, ich bin kein Fanboy, sondern ignoriere den BuVo, falls das jemand vergessen haben sollte). Man stellte den Themen auf den Plakaten (die kurz, knackig und allgemeinverständlich formuliert waren, btw.) Köpfe zur Seite, die quasi für diese Themen warben. Nicht “Angela – für eine goldene Zukunft”, sondern Leute wie Du und ich, die nicht zehn Jahre Jünger durch die Kraft der Bildbearbeitung gemacht wurden. Leute, denen man auf der Straße begegnen konnte, bei Aktionen und Infoständen. Mit denen man reden konnte. Das waren auch Köpfe, und zwar authentische.
Wer da einen Reality-Check braucht, frage doch mal in seinem Nicht-Piratenumfeld, wie viel von dem, was der BuVo in den Medien so von sich gab, überhaupt im Gedächtnis geblieben ist. Und was man heute mit dem Namen Piraten verbindet. Ihr werdet euch wundern. Die meisten werden nicht mal wissen, wie der Vorsitzende überhaupt heißt.
Worauf es wirklich ankommt
Es kommt letztendlich auf das an, was wir tun. Wir werden die Quittung dafür erhalten. Wenn weiterhin Piraten mit zu viel Tagesfreizeit ihre Kraft und Energie destruktiv einsetzen, werden wir verlieren. Wenn wir weiterhin versuchen, ein Programm zu machen, dass irgendwie allen gefällt und keinen stört, dann verlieren wir auch. Berlin war erfolgreich, weil sie mit Themen antraten, die aneckten, mit Dingen, die so keiner sagen, geschweige denn meinen würde. Wir sind keine Volkspartei, und wir sollten auch keine werden wollen. Das Konzept “Volkspartei” ist nicht mehr tragfähig und wird sich historisch gesehen überleben. Für eine auf- und abstrebende Kleinpartei gilt vor allem: wer allen ein bisschen gefällt, wird von keinem gewählt.
Diese Entwicklung ließ sich beim letzten Programmparteitag auch in Hamburg beobachten, als die Zauderer und Zögerer die Oberhand behielten und jeder Antrag, der auch nur ansatzweise nach Neuanfang, neu Denken oder Zukunftsgestaltung aussah, zerredet wurde, bis fast nur noch der Kram übrig blieb, der so auch von anderen hätte kommen können – mit Ausnahme der Kernthemen vielleicht. Diese Entwicklung ist gefährlicher als alles, was je ein BuVo sagen könnte. Es macht uns austauschbar und beliebig – und so dem verhaftet, was der Status Quo ist. Das brauchen wir aber nicht. Die Piraten haben sich nämlich zusammengetan, weil sie wissen, dass der Status Quo scheiße und nicht zukunftsfähig ist.
Was wir brauchen
Wir wissen, dass der Sozialstaat in den letzten Zügen liegt, dass es kein unendliches Wachstum gibt, dass die Mehrheit der Deutschen keiner Kirche mehr angehört, dass Vater-Mutter-Kind in lebenslang längst nicht mehr das einzige Modell ist, in dem die kleinsten gesellschaftlichen Einheiten sich organisieren (sie tun es eben einfach nicht mehr). Wir wissen, dass Deutschland nicht mehr weiß und christlich ist – und würden dorthin auch gar nicht zurückwollen. Wir glauben, dass Teilhabe letztendlich wichtiger ist, als auf seinen Besitzständen zu bestehen, als hüte man den Heiligen Gral. Wir sind die Einzigen, die wirklich eine Ahnung haben, wie die Informationsgesellschaft aussehen könnte, und wir halten die Bestrebungen der Regierungen, uns zu gängeln, zu überwachen und unser Leben zu gestalten, für uns für gefährlicher sind, als Al-Quaida oder die nebelhaften Terroristen, die interessanterweise immer dann als diffuse Bedrohung beschworen werden, wenn’s der Politik gerade in den Kram passt. Wir nehmen Transparenz wirklich ernst und fordern sie nicht nur für die anderen, sondern auch für uns. Das ist, was wir vertreten, womit wir werben müssen. Wir müssen nicht allen gefallen, sondern erst mal wieder uns selbst.
Die Weiterentwicklung der innerparteilichen Mitbestimmung
Das ist ein ganz zentraler Punkt. Wie wollen wir den Wählern vermitteln, dass unsere Demokratie ein Update braucht, wenn wir selbst keins für unsere innerparteiliche Mitbestimmung hinbekommen? Ob das nun die SMV wird oder etwas anderes , ist egal. Aber wir treten auf der Stelle, stimmen auf einem Parteitag über acht (!!!) Tagesordnungen ab (welcher Idiot war denn für diesen organisatorischen Schwachsinn verantwortlich?) und tun, als wäre es 2009, während “meanwhile in Friesland” mal eben so Liquid Feedback eingeführt wird. Für jeden. Das mag seine Tücken und seine Schwächen haben, ABER ES WIRD GEMACHT. ES WIRD WENIGSTENS VERSUCHT, während wir uns von Nörglern, Zauderern und Bremsern lahmlegen lassen. Wie wollen wir dem Bürger vermitteln, dass die Demokratie sich verändern muss, wenn wir nicht mit Beispielen vorangehen und so etwas wie eine Entwicklung im Kleinen aufzeigen, vielleicht mit Irrwegen oder Rückschlägen. Aber wir müssen uns da mal bewegen. Ganz, ganz dringend.
Beachtung für die, die es verdienen
Anstatt uns über die aufzuregen , die irgendwas gesagt haben, das uns nicht passt, sollten wir endlich denen Beachtung schenken, die die Partei durch ihre tägliche Arbeit am Leben erhalten. Unsere Arbeitsbienen in allen Bereichen. Die, welche die Strukturen aufbauen, die anderen überhaupt erst die Gelegenheit geben, sie zu zerreden und zernörgeln. Wo bleibt die Unterstützung für alle, die konstruktiv für die Partei tätig sind, egal in welchem Bereich? Sie sind inzwischen praktisch unsichtbar, während sie in Berlin noch eine Wahl gewannen. Deswegen finde ich dieses Projekt so wichtig, weil es sichtbar macht, was wirklich wichtig ist, weil es unterschiedliche Facetten der Parteiarbeit sichtbar machen und vielleicht auch andere inspirieren kann. Damit Parteiarbeit kein so undankbares Geschäft bleibt, wie sie es momentan ist.
Ich wünsche dem nächsten Kurator viel Erfolg und viele Leser.
Wir sind Piraten: Tag 6
Freud und Leid der Bürgerinformation: Flyeraktionen, Kaperbriefverteilung, Infostände
Hamburg ist, was die Genehmigung von Infoständen angeht, recht streng. Man muss vierzehn Tage vorher beim zuständigen Bezirksamt anmelden, was gerade hier ob des unbeständigen Wetters ein Risiko ist. Bei strömendem Regen kann man den Infostand vergessen, da Pavillons nicht erlaubt sind. Außerdem bleibt kein Mensch im Regen stehen, um sich politisch zu informieren (außer die ganz Hartgesottenen, und die finden uns auch so). Daher haben die Eimsbütteler Piraten beschlossen, ihre regelmäßigen Infostände durch wilde Flyeraktionen zu ersetzen, bis es wärmer und das Wetter beständiger wird. Das hat zwar den Nachteil, dass man weniger sichtbar ist, aber dafür muss man kein Geraffel hin und her bewegen, man kann sich einen guten Standort aussuchen und den auch wechseln, wenn es anderswo besser läuft und man unterliegt, solange man auf öffentlichem Grund bleibt, keiner Genehmigungspflicht. Außerdem kann man spontaner sein und braucht weniger Leute. Also rafften sich der stellvertretende Bezirksvorsitzende und ich heute auf, um an einer beliebten Eimsbütteler Einkaufsstraße Flyer zu verteilen.
Informationsdefizite beim Transparenzgesetz
Ja, wir haben das Transparenzgesetz, aber nachdem die Bürgerschaft es mit den Stimmen aller Fraktionen erließ, herrscht beredtes Schweigen. Die Stadt Hamburg hält es nicht für nötig, ihre Bürger über die Möglichkeiten und Modalitäten zu informieren, und wenn man darüber informieren will, muss man feststellen, dass die meisten davon noch gar nichts gehört hat und ein weiterer Teil nur eine vage Ahnung hat, dass es dieses Gesetz überhaupt gibt. Dieses Defizit auszugleichen, ist den Bündnispartnern überlassen, in Hamburg sind vor allem Mehr Demokratie e. V. und die Piraten in dieser Hinsicht aktiv – doch bei einer Stadt, die mehr als 1,8 Millionen Einwohner hat, liegt es auf der Hand, dass eine NGO und eine Kleinpartei finanziell und personell mit der Aufgabe der flächendeckenden Information überfordert sein müssen. Wir machen jedoch regelmäßige Aktionen zum Thema (Infostände, Flyern, Aktionstage) und haben nicht nur einen Kaperbrief zum Transparenzgesetz herausgebracht, sondern auch einen Flyer mit Erläuterungen, Hinweisen und praktischen Tipps. Letzteren verteilten wir heute.
Der Infostand und ich
Ich bin weder schüchtern noch habe ich Angst vor Menschen, ich kann Inhalte klar verständlich zusammenfassen, bin themenfest und kann frei sprechen. Ich habe Erfahrung in der Kundenbetreuung, kann fruchtlose Gespräche freundlich, aber bestimmt abbrechen und weiß zur Not auch, wie man Leute loswird. Ich bin 1,90 groß, und die Neigung auf Krawall gebürsteter Menschen, sich mit mir anzulegen, ist sehr begrenzt. Dennoch gehören Infostände und Flyeraktionen nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Aber Partei ist, wenn man es trotzdem macht. Es kostet mich jedes Mal Überwindung, anzufangen, Informationen an den Bürger zu bringen, auch wenn man mir das nicht anmkerkt. Habe ich das Bellen und Knurren des inneren Schweinehundes erst mal erfolgreich ignoriert, geht es, und der Spaß kommt mit dem Machen – zumindest eingeschränkt.
Und es macht ja auch Spaß, mit den Leuten zu reden, über unser Programm zu informieren und Interessierten unser Material zu überreichen. Außerdem können wir immer wieder beobachten, wie sich die Gesetze des Infostandes bei jedem Mal aufs Neue bestätigen.
Hamburg ist eine liberale Stadt, überwiegend eher links eingestellt (selbst als wir mit Ole von Beust einen CDU-Bürgermeister hatten, war das jemand, bei dem das nicht so auffiel). Nazis sind hier unbeliebt. Eimsbüttel ist ein Viertel, in dem vor allem SPD- und Grünen-Wähler leben. Wirtschaftlich geht es den Leuten überwiegend gut, es gibt keine wahnsinnigen Bauprojekte im Bezirk, die das Blut der Bewohner in Wallung bringen. Die Stimmung ist allgemein offen und freundlich. Dennoch schlagen auch hier die Gesetze des Infostandes unerbittlich zu.
- Der Quotennazi – keine Ahnung, wo der herkommt. Aber er taucht aus dem Nichts auf, erzählt irgendeinen rassistischen Müll, wird abgewimmelt und verschwindet wieder unter dem Stein, unter dem er vermutlich hervorkroch.
- Der Verschwörungstheoretiker – Vertreter dieser Gattung präsentieren einen bunten Strauß von Absurditäten, da ist von Reichsregierung bis “Obama sieht dir zu, wenn du aufs Klo gehst” eigentlich alles dabei. Mein persönlicher Favorit war jedoch der Typ, der meinte, unsere Flagge (die ohne Aufschrift, nur mit Emblem) wäre ein Dämonentor, durch das Dunkle Mächte in die Welt kommen werden. Ja ne, is klar.
- Leute, die ihre Probleme erzählen – sie sind die, denen man am längsten zuhört, auch wenn sie einen nicht wählen werden, denn da muss man den Menschen sehen und nicht nur das eigene Anliegen, nämlich unser Programm und unseree Ziele an den Wähler zu bringen. Im günstigsten Fall kann man ein paar praktische Tipps geben. Im ungünstigsten kann man nur mal für eine halbe Stunde für jemanden da sein, der vielleicht sonst niemanden hat
- Der, der konträre politische Überzeugungen hat und uns ebendiese nahebringen will, bis uns die Ohren bluten. Vorher die Reißleine zu ziehen und das Gespräch abzubrechen ist etwas, das jeder lernen muss, der am Stand steht. Wir werden diese Menschen ebensowenig überzeugen wie sie uns. Leider machen manche Infostand-Neulinge den Fehler, entweder eine geschlagene Stunde mit brotloser Überzeugungsarbeit zu verbringen oder den Leuten irgendwann einfach zu erzählen, was sie hören wollen, also programmatisch einzuknicken. So überzeugt man dann überhaupt niemanden mehr, und außerdem werden die uns sowieso nie wählen, egal, was wir ihnen erzählen.
Da Infostände so ihre Tücken haben (s. o.), versuchen wir immer, Piraten, die Lust haben, mit erfahrenen Teams zusammenzubringen, denn so lernt man am ehesten, wie man mit den unterschiedlichen Situationen umgeht und vor allem unsere Ziele, Werte und Programme in Kurzform und verständlich (WICHTIG!!!) vermittelt.
Parteiarbeit auf der Straße ist ein Muss
Wir könnten in Hamburg personell besser aufgestellt sein, und so sind es immer dieselben, die Zeug verteilen oder am Infostand stehen. Denn wir haben sehr engagierte und aktive Mitglieder, deren Sache das so gar nicht ist, und das kann und darf man nicht erzwingen. Beim letzten Wahlkampf (Bürgerschaftswahl, 2010) warf man uns vor, dass man uns immer nur vor Wahlkämpfen auf der Straße sieht. Das war vor allem der Personalsituation geschuldet, aber wir haben es uns zu Herzen genommen. Wir gründeten Bezirksverbände, um lokal auf effektivere Weise aktiv werden zu können, und wir haben begonnen, regelmäßig im Straßenbild präsent zu sein, denn auch der, der einfach vorbeigeht, sieht uns und beginnt, uns wahrzunehmen.
Die erste Aktion nach Niedersachsen
Die Niedersachsenwahl war auch für uns ein Dämpfer, und heute wurde in einer Hamburger Zeitung eine aktuelle Umfrage veröffentlicht, was die Leute wählen würden, wenn nächsten Sonntag Bürgerschaftswahl wäre. Das Ergebnis ist kurz zusammenzufassen: Die SPD behielte die absolute Mehrheit (auch wenn wir nicht wissen, wieso eigentlich, denn es herrscht weitgehender politischer Stillstand), FDP und Linke wären nicht mehr in der Bürgerschaft vertreten, und die PIRATEN bekämen 2%.
Es wäre übertrieben, zu behaupten, wir wären erfreut, denn wir haben keine Gates, keine Skandale, sondern leisten beständige Arbeit, die jedoch zu wenig sichtbar ist. Daran arbeiten wir, so auch heute, als wir zu zweit die Flyer unters Eimsbütteler Volk verteilten. Es lief sehr gut, wir wurden in einer Stunde ca. 300 – 400 Flyer los. Ich begann zu überlegen, wie wir auch bei einer Flyeraktion ohne Infostand als Piraten sichtbarer werden (und ich habe da auch schon eine Idee …). Es war eine positive Erfahrung, und noch positiver war, dass es keine einzige Bemerkung zur Niedersachsenwahl gab.
Kurz gesagt, wir halten durch und machen weiter.
Wir sind Piraten: Tag 5
#Neustart und Open Space
Mein Blogpost des heutigen Tages zerfällt in zwei Teile. Der erste ist dem Begriff #Neustart gewidmet, da ich gern mit dem Unangenehmen beginne, um positiv und versöhnlich abzuschließen. An der Parole #Neustart stören mich gleich mehrere Dinge:
1. Formales
Das Formale ist eigentlich eine Marginalie, aber trotzdem finde ich es erwähnenswert. Es wurde wiederholt darauf hingewiesen, dass die momentan stattfindenen Barcamps und sonstigen Veranstaltungen, die sich mit dem Thema Piraten und Bundestagswahl beschäftigen, noch keine konkreten Strategien zum Inhalt haben sollen bzw. dass dort noch keine Entscheidungen in dieser Richtung getroffen werden sollen. Dennoch geisterte der Begriff “Neustart” in Leipzig durch die Veranstaltungen wie eine Banshee. Das ist unfair gegenüber denen, die alternative Vorschläge entwickeln, aber den Anstand hatten, diese nicht vorab durch die Gegend zu posaunen bzw. gezielt zu lancieren.
2. Neustart als Slogan ist scheiße
Einen Neustart nimmt man vor, wenn etwas absolut nicht mehr läuft. Ob es der Bluescreen bei der Software mit dem Fenster ist, eine Beziehung oder etwas anderes: Neustart bedeutet, dass nichts mehr geht und man an einem toten Punkt angekommen ist, sodass nur eine radikale Lösung die erhoffte Besserung bringen kann. Es ist noch nicht so weit, dass man die Sache hinter sich lässt, aber es ist kurz davor. Es ist, wenn es nicht gerade um Softwarefehler geht, auch ein Eingeständnis, dass man versagt hat.
Das trifft jedoch auf die Piraten nicht zu.
Es gibt viele Landes-, Bezirks-, Kreis- und Ortsverbände, Arbeitsgemeinschaften und Servicegruppen, die gute, konstruktive Arbeit leisten. Wo sinnvoll an Inhalten gefeilt wird, Strukturen stabil und nachhaltig aufgebaut und tolle Aktionen geplant und durchgeführt werden. Hinter alldem stehen gute, fähige und engagierte Menschen, die nicht vergessen haben, was es bedeutet, Pirat zu sein, deren Arbeit aber durch diesen Begriff mit einem Schlag entwertet wird. Neustart impliziert, dass das alles irgendwie weg und neu muss, dass sie von vorn beginnen sollen und alles anders machen müssen. Das mag nicht so gemeint sein, aber genau das besagt das Wort “Neustart”. Es redet eine parteiweite Katastrophe herbei, die so schlicht nicht da ist.
Unsere Partei ist mehr als dysfunktionale Mitglieder, als die Probleme, von denen Teile der Parteistruktur betroffen sind. Es bedeutet, dass Unzufriedene, die vielleicht im Auge der diversen Shitstorms sitzen und mit Schwierigkeiten unmittelbar konfrontiert sind, die Probleme an die gesamte Partei, ob Basis, ob Vorstände, delegieren, ohne Rücksicht und ohne Nachfrage, ob das dort ebenso gesehen wird. Es bedeutet auch eine verzerrte Wahrnehmung aufgrund der Probleme, in die man selbst verstrickt ist und die mangelnde Fähigkeit, über den eigenen Tellerrand hinauszusehen. Es ist ein fatales Signal für alle, die erfolgreich und konstruktiv arbeiten, ob als Basisipiraten, als Vorstände oder in Teams.
Ehrlich, wer mit sich oder seinem Umfeld bzw. einer Struktur nicht zurechtkommt, sollte sein Problem lösen und es nicht den Leuten aufzwingen, die das Problem nicht haben, zumindest nicht in dieser Form oder dieser Intensität. Oder stellt ihr die Beziehungen aller Menschen in Frage, nur weil eure eigene es nicht mehr bringt? Eben.
Anstelle eines Neustarts brauchen wir eine Bestandsaufnahme. Wir müssen identifizieren, in welchen Bereichen es nicht gut läuft. Dazu gehört auch, dass sich Einzelne der Tatsache stellen, dass sie momentan nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems sind. Neustart ist Tabula-rasa-Mentalität, und das brauchen wir nicht. Wir brauchen konstruktive Diskussionen, die jedoch die konstruktive Arbeit, die es in unzähligen Bereichen gibt, nicht stört. Wer um sich selbst kreisen will, soll das tun, aber er sollte anderen seinen Zustand nicht aufzwingen. Das gilt für Einzelpersonen genauso wie für Gliederungen oder Gremien.
Was wir außerdem brauchen, ist Fokussierung. Ja, auch wenn’s mal anstrengend oder langweilig wird. Wir brauchen kein profilneurotisches Parteipersonal, das in jede noch so boulevardeske Talkshow rennt und sich dort zum Obst macht. Wir müssen nicht jedem Bällchen hinterherlaufen, das geworfen wird, und wir müssen nicht jedesmal laut aufheulen, wenn jemand unser Förmchen weggenommen hat. Wir brauchen Konzentration auf unsere Stärke, und die ist, dass wir intelligente, offene, vorurteilsfreie Leute haben, die bereit sind, neue Wege aufzuzeigen und diese auch zu beschreiten. Und was wir gar nicht brauchen ist eine Partei, die so tut, als wäre sie wie alle anderen. Kein Neusprech, kein Eiti-Teiti. Wir dürfen nicht vergessen, warum die Regierenden so scheiße sind und müssen es anders machen. Nicht Imitation sondern Innovation und Kreativität sollten uns bei unserem Handeln, Denken und Auftreten leiten.
Wir müssen uns auf unsere Stärken und unsere Authentizität besinnen, denn die Piraten werden gebraucht. Aber nicht, wenn sie alles bisher Geleistete durch ein Schlagwort niedermachen oder möglichst vielen gefallen wollen, denn wer allen gefallen will, den mag niemand so richtig, und am Ende mag man sich nicht mal mehr selbst. Immerhin sind wir mal angetreten, um es anders zu machen als die, um deretwillen wir keinen Bock mehr haben. Aber Aktionismus ist nicht die Antwort.
3. Außenwirkung
Wenn Neustart wirklich eins unserer Mottos oder ein zentraler Slogan des Wahlkampfs werden sollte, dann brauchen wir zur Wahl gar nicht anzutreten. Denn die Außenwirkung wäre fatal. Wir würden zulassen, dass die, die offenbar nicht fähig sind, ihre Probleme allein oder in den betroffenen Gruppen/Gliederungen/Gremien zu lösen, ihre Unfähigkeit allen anderen aufs Auge zu drücken und sie zu zwingen, sich damit beschäftigen. Und das teilen wir gleich noch einem ganzen Volk mittels Plakaten, Flyern und T-Shirts mit. Geht’s noch? Das ist in etwa so, als würden wir bei einem Bewerbungsgespräch als erstes damit herausplatzen, dass wir unseren letzten Job total in den Sand gesetzt hätten, und das ist nicht wahr.
Die Medien mögen die Idee eines Neustarts toll finden, weil sie ihnen brauchbares Material für Beiträge bietet, aber die sehen nur einen kleinen Ausschnitt unserer Partei, unserer Arbeit. Sozusagen die bedauerlichen Einzelfälle, in welcher Hinsicht auch immer.
Neustart ist Selbstbeschäftigung in Reinkultur, und das ist nichts, womit man hausieren geht. Es vermittelt den Wählern weder unserer Werte noch unser Selbstverständnis noch unser Programm. Es ist, als würde ein Restaurant mit der Tatsache werben, dass bis gestern der Herd kaputt war.
Natürlich kann man es auch so interpretieren, dass Neustart quasi den Neustart des politischen Systems bedeuten soll, doch um damit an den Start zu gehen, fehlt uns momentan das Vertrauen der Wähler in unsere politische Wirkmächtigkeit. Zudem wird das Wort in dieser Hinsicht von einem großen Teil der Bevölkerung gar nicht verstanden. Es ist zu nerdig. Ja, viele von uns sind Nerds, und das finden wir gut. Doch wir müssen lernen, uns allgemeinverständlich auszudrücken, wenn wir wollen, dass unsere Anliegen auch von der Allgemeinheit verstanden werden.
Wer den gestrigen Blogpost gelesen hat, wird sich denken können, dass der Begriff Neustart bei den Hamburger Piraten nicht gut ankommt. Wir tun das, was wir immer tun, wenn Bullshit von außen an uns herangetragen wird: Wir ignorieren ihn, tun so, als wäre da nichts und machen, was wir immer tun: weiter.
Open Space – eine Instiution bei den Hamburger Piraten
Wir wollen uns nun angenehmeren Dingen zuwenden. Zum Beispiel dem Open Space, der jeden Freitagnachmittag bis in die Nachtstunden bei uns in der Landesgeschäftsstelle stattfindet.
Wer mal in Hamburg war und die Piraten dort besucht hat, weiß, dass unsere Geschäftsstelle zu klein ist. Sie besteht aus einem großen Raum und einer kleinen Kammer, die überwiegend als Lager für diversen Pofel dient und für Gruppennutzungen zumindest momentan nicht taugt. In diesen großen Raum drängen viele Gruppen und Leute, die arbeiten wollen. An den meisten Abenden tagen zwei Gruppen parallel, was nicht immer problemfrei abläuft. Aber es gibt einen Tag, an dem es anders ist: der Freitag mit seinem Open Space.
Hier sind keine festen Gruppen zugelassen, zumindest nicht für regelmäßige Treffen. Stattdessen kommen da Piraten zusammen, die gezielt an Projekten arbeiten wollen. Dazu gehören die, die konkrete Aktionen vorbereiten (von der Konzeption bis zur Plakatmalerei), Leute, die an Flyern oder sonstigen Publikationen arbeiten, es gibt Vorbereitungstreffen für Parteitage, Leute, die an Anträgen arbeiten – und es gibt die soziale Komponente. Man muss nämlich nichts vorhaben, um zum Open Space zu kommen. Es gibt immer jemanden, mit dem man sich unterhalten kann, einfach nur so und ohne konkretes Thema. Man muss sich nicht mit Parteiangelegenheiten beschäftigen, sondern einfach nur dabei sein. Open Space ist für uns auch das, was das Lagerfeuer für Pfadfinder ist. Es ist informell, gemischt und vielfältig und bieten auch denen Raum, die sich in festen Gruppen nicht wohlfühlen.
Vielleicht gerade weil es informell organisiert ist, habe ich dort einige der produktivsten, effektivsten und coolsten Arbeitstreffen erleben dürfen. Open Space hat sich im letzten Jahr für manchen Piraten zum festen Termin und zum Highlight im Parteialltag entwickelt. Daher ist es unverzichtbar.
Wir sind Piraten – Tag 4
Hamburg – das nordgermanische Dorf und “was noch so anliegt”
Die Piratenpartei Hamburg in Kurzform
- die Aktiven kennen sich – bei Wahlen passiert weniger Bullshit
- wir führen weder Frauen- noch Quotendiskussionen
- es ist uns egal, welchen Bundesvorstand wir ignorieren (mit Ausnahme von Swanhild, die lieben wir)
- wir fallen nicht durch befremdliche Vergleiche auf
- wir sind arm an Shitstorms (und an finanziellen Mitteln)
- wir hätten gern mehr Aktive
- auch wir kennen Selbstbeschäftigung und ewige Strukturdiskussionen
- wir wären gern effektiver
Das nordgermanische Piratendorf
Der weibliche Pirat – für uns kein unbekanntes Wesen
- Der Landesvorstand: 8 Mitglieder, 3 weiblich (alle weiblichen Kandidaten wurden gewählt) – darunter die Schatzmeisterin
- Bezirksvorstände: 2 weibliche Vorsitzende, eine Schatzmeisterin
- 1 weibliche Abgeordnete in der Bezirksversammlung Mitte (durch Übertritt von den Grünen)
- Wahlkreiskandidaten (Direktkandidaten): 6 Wahlkreise, 3 weibliche Spitzenkandidaten
- Junge Piraten Hamburg: 3 Landessprecher, 1 weiblich
- Bundesvorstand: 1 Mitglied aus Hamburg, 1 weiblich (Schatzmeisterin Swanhild Goetze)
Der BuVo und wir
Kein Swinkram!
Mehr Aktive braucht die Partei
Es gibt viel zu tun – lasst uns darüber reden
Genug gelabert, nun zum Konkreten
- Website-Parteilyrik – ein Artikel pro Woche, zwei wären besser
- Flyer “Indect”
- Flyer “Drogenpolitik” -> Treffen am Freitag bei “Open Space” nicht vergessen!
- Rede für den Aktionstag für Privatsphäre vorbereiten – ob ich die wirklich halten werde, weiß ich nicht, aber vorbereiten muss ich sie trotzdem
- Kontakt zu den Freifunkern vertiefen
- Treffen der Piraten Eimsbüttel vorbereiten
- Transparenzgesetz-Flyer verteilen am Samstag
- Planen für die Wahlkampfaktionsplanungsgruppe (es soll vielleicht einen neuen Kaperbrief geben)
- Vorbereiten eines Kurzvortrags zum Thema Queer- und Genderpolitik der Piraten, zu halten der hoffentlich geneigten Zuhörerschaft am kommenden Mittwoch (da muss ich noch ein Konzept einreichen)
- Schreiben eines Artikels für eine Uni-Veranstaltung, an der ich mal teilgenommen habe (Thema: Beteiligung und Mitbestimmung bei den Piraten)
- Einarbeiten in den Themenkomplex Überwachung – ach, muss das sein? – ja, muss es, sonst kann ich den nämlich nicht schreiben
- Schreiben des neuen Newsletters, der sollte bald raus
- Verfassen des großartigen, bombastischen und mitreißenden Artikels zum Aktionstag gegen Überwachung (siehe: Einarbeitung in das Thema)
- Irgendwas habe ich vergessen, aber da kommt bestimmt noch was.
- Ach ja, twittern und bloggen für #wirsindpiraten
Wir sind Piraten – Tag 3
Parteilyrik und AG-Treffen
Heute berichte ich über meine Tätigkeit als Parteilyrikerin. Die begleitet mich seit meinem Erstkontakt mit der Partei im Juli 2009. Eigentlich wollte ich bei meinem Eintritt die PIRATEN rein passiv, nämlich durch meine Mitgliedsbeiträge plus Spenden, unterstützen, doch dann überredete mich mein Partner (auch Pirat), doch mal zu einem der Treffen zu gehen. Das tat ich, und dort fiel ich dem damaligen Vizevorsitzenden (Gunnar) in die Hände. Er sieht harmlos aus, aber das täuscht, denn er ist ganz groß darin, Leute zum Arbeiten zu bringen. Er fragte, was ich denn so könne und vermittelte mich an die Pressegruppe. Die entschied, dass ich zu ihrem nächsten Treffen kommen sollte. Ich war bis zu dem Moment noch nicht mal zu Wort gekommen, wenn ich mich recht erinnere, und das will etwas heißen. Jedenfalls verfasse ich seitdem das, was ich Parteilyrik nenne.
Hä? Parteilyrik?
Es ist nicht ganz so einfach, Texte für eine Partei zu verfassen, wie ich feststellen musste. Obwohl ich eine geübte Schreiberin bin, die über fast alles irgendwas auf den Bildschirm bringen kann, ist es doch etwas anderes, wenn man damit gezielt ein Publikum ansprechen soll. Zudem gibt es verschiedene Bereiche, die einen jeweils unterschiedlichen Stil verlangen. Ich verfasse also:
- Programmanträge
- Flyertexte
- Kaperbrieftexte
- Texte für die Website
All diese Elaborate stellen unterschiedliche Anforderungen an den Autor. Am liebsten schreibe ich für den Kaperbrief oder die Website, denn hier kommt mein leicht essayistisch-ironischer Stil am besten zur Geltung, oder genauer: Hier kann ich den ausleben.
Parteiwebsites – mein Spielplatz
Gerade die Website soll einerseits über uns als Partei, über unsere Ziele, Ideale und das Programm informieren, aber möglichst so, dass der Leser nicht dabei einschläft. Kurz gesagt, ein Websiteartikel muss nicht nur informieren, sondern auch unterhalten, sonst liest das kein Mensch (und es ist auch so schwer genug, Leser außerhalb der Piraten-Filterbubble zu finden). Ein Websiteartikel darf in seinen Aussagen weiter gehen als ein Flyer, der sich streng an das Programm halten muss. Er darf ironisch sein, das Programm interpretieren und auf konkrete Fälle anwenden. Man kann verschiedene Aspekte eines Programmpunktes beleuchten, sich kritisch mit bestehenden Situationen befassen und darf auch mal eine eigene Meinung einfließen lassen.
Chronischer Autorenmangel
Jede Gliederung kennt das: Es gibt zu wenig Autoren. Es gibt zwar viele thematisch sehr versierte Piraten, die eine Menge zu sagen hätten, aber sie tun es nicht. Zumindest nicht auf unseren Parteiwebsites. Stattdessen werden die Wenigen, die für unsere Internetplattformen schreiben, gezwungenermaßen zu thematischen Universalisten, da sie sich in vielfältige Bereiche einarbeiten müssen. Da ist man froh, wenn man zumindest Stichpunkte als Input erhält, von einem Piraten, der sich in einen Thema besser auskennt als man selbst. Daraus lässt sich leicht etwas basteln, das dann auf der Website erscheinen kann. Aber auch das gibt es nicht oft. Ich werde es nie verstehen: Leute, die sich bei Treffen im informellen Gespräch lang, breit und höchst sachkundig über ihr Spezialgebiet verbreiten, werden stumm wie Sittiche, die man mit einem Tuch abgedeckt hat, wenn man sie bittet, doch vielleicht auch mal etwas zu schreiben.
Die Schreibmaschinen der Partei
Daher haben wir verhältnismäßig wenig Autoren, die regelmäßig Content für unsere Websites in Hamburg liefern. Die Bezirkswebsites werden von Mitgliedern der Bezirksverbände mit Inhalt gefüllt – mal mehr, mal weniger. Meine Aufgabe als Vorsitzende des Bezirksverbands und Landesverbandsschreibmaschine in Personalunion ist es also, die Internetpräsenz der Piraten Eimsbüttel mit Inhalt und damit mit Leben zu füllen. Denn nichts ist schlimmer, als eine Parteiwebsite, auf der der letzte Eintrag Wochen alt ist. Ich schaffe momentan zwei Artikel pro Woche für die Bezirksseite, wobei ich mich bemühe, sowohl unsere Kernthemen darzustellen, als auch Bezirksanliegen zu bedichten. Das ist jedoch nicht alles.
Regelmäßig kommen Beschwerden, dass ich mehr für die LV-Seite schreiben muss, mein Piratenblog kennt mich nicht mal mehr vom Foto (die Aktion #wirsindpiraten dient auch der Belebung dieser Homepage), mein privates Blog hat mich schon lange nicht mehr gesehen (was nicht allein der zeitlichen Belastung geschuldet ist, sondern auch private Gründe hat). Wenn ich was für die Eimsbüttel-Sektion unseres Wikis schreibe, kommt ein Wiki-Gärtner und will, dass ich das umformuliere und den lokalen Bezug herausnehme, da er findet, dass es von allgemeinem Interesse ist. Und neulich fragte ein Pirat von außerhalb des Landesverbandes nach Artikelserien … und die nächsten Flyer drohen auch schon. Das ist für jemanden, der eigentlich immer nur vor sich hingeschrieben hat (und seit Jahren an zwei Romanen arbeitet, die nicht mal annähernd vollendet sind) gar nicht so einfach. Ich bin nämlich keine Journalistin, sondern journalistisch tätig, und das ist ein großer Unterschied. Angesichts des eklatanten, parteiweiten Mangels an Autoren graut es mir vor der nächsten Schreibblockade. In guten Zeiten schreibe ich fast so schnell wie ich denke, ein Artikel dieser Länge kostet mich vielleicht eine halbe Stunde. In schlechten Zeiten schreibe ich gar nicht. Es gibt kein Dazwischen.
Endlich wieder schreiben können!
Ein Jahr machte ich mit dem Schreiben Pause. Das war, als ich Vorsitzende des LV Hamburg wurde. Wir haben ja ein etwas gespaltenes Verhältnis zu unseren Vorsitzenden. Sie sollen sich bitte in der Öffentlichkeit nicht zum Obst machen, keine eigenartigen Vergleiche bringen, sich mit dem Programm auskennen und die Partei nach außen vertreten und nach innen ausgleichend wirken. Was sie nicht tun sollen: Programmatische Richtungen bestimmen und Universalwortführer sein (neben vielen anderen Dingen, die ich hier jedoch mal weglasse). Ich verstehe das, und ich habe es auch als Vorsitzende verstanden. Um den letzteren Anforderungen gerecht zu werden, habe ich meine schriftstellerischen Tätigkeiten für die Partei praktisch eingestellt. Denn es ist schwierig in einem LV, in dem die Aktiven sich alle kennen, zu unterscheiden, ob nun gerade die Vorsitzende, die Pressetante, die Parteilyikerin oder der einfache Pirat schreibt oder spricht. Die notwendige Trennschärfe ist einfach nicht gegeben, und daher ließ ich es sein.
Ein Bezirksvorsitz ist etwas anderes. Man wird eher als einer unter (wenigen) Gleichen wahrgenommen, es gibt weniger Piraten, die die anfallenden Aufgaben unter sich aufteilen, und man wird weniger wahrgenommen. Als Bezirksvorsitzende ist man weniger exponiert als in einem Landesverband. Da darf man dann auch schreiben.
Mehr Autoren wären besser
Wer für ein Presse- oder Websiteteam (oder für beides, mimimi) arbeitet, weiß, dass wir dringend mehr Autoren brauchen. Die aktuelle Situation führt nämlich zu einer gewissen Monostilistik (der Monothematik stemme ich mich durch permanente Weiterbildung heroisch entgegen). Mit etwas Übung kann man nämlich Beiträge bestimmten Autoren zuordnen. Bei Flyern, die nüchtern, knapp und sachlich abgefasst werden, fällt das weniger auf, aber bei Websiteartikeln treten Unterschiede deutlich zutage. Oder besser: Sie würden zutage treten, wenn es mehr Autoren gäbe. Das wäre wünschenswert, nicht nur, um inhaltliche Defizite, die jeder irgendwo hat, ausgleichen zu können, sondern auch, weil die Lesergeschmäcker verschieden sind. Was einer amüsant findet, findet der nächste penetrant, und was den einen elegant und beredt erscheint, ist dem nächsten zu manieriert.
Ich habe für mich beschlossen, diesem LV und meinem Bezirksverband so lange auf den Sack zu gehen, bis mehr Leute schreiben, allein schon, um endlich ihre Ruhe zu haben. Und da die Hoffnung bekanntlich zuletzt stirbt, habe ich einen Leitfaden für hoffnungsvolle Websiteautoren verfasst.
AG-Treffen oder: Die Tücke der organisierten programmatischen Arbeit
Heute Abend werde ich ein AG-Treffen besuchen, und zwar das der AG Gesellschaft und Teilhabe. Themen-AGs sind auch so eine Baustelle. Wir haben nur wenige AGs, und zwei davon sind eigentlich Dach-AGs, unter denen unterschiedliche Themenbereiche bearbeitet werden. Das ist nicht ideal, aber besser als X inaktive AGs, deren Wiki-Seiten sie nicht als solche ausweisen und Interessierte nur verwirren.
Konkret sind das neben der erwähnten AG Gesellschaft und Teilhabe (für alles außer Kernthemen, von Queer über Gesundheit bis Drogenpolitik) die AG Digitale Gesellschaft (für Kernthemen/netzpolitische Themen). Es ist einfach praktischer so, denn würde man diese AGs thematisch trennen, würden sich die paar Peoples praktisch jeden Tag in einer unterschiedlichen AG wiedertreffen.
Soll- und Istzustände
Programmatische Arbeit soll in AGs stattfinden, und sie tut es auch, aber nur zum Teil. Das hat auch praktische Gründe, denn nicht jeder, der sich thematisch betätigen möchte, hat zu den festen Terminen auch Zeit. Andere nervt das Gelaber, und sie arbeiten lieber allein. Oder sie finden für ihr Thema keine Mitstreiter bzw. können sich mit denen nicht auf die Richtung einigen. Das führt dazu, dass neben den AGs Leute durch den LV oszillieren, die allein an Themen oder Anträgen arbeiten. Das kommt unserem Sinn für Individualismus entgegen und soll auch so sein (schließlich ist dies eine Mitmachpartei und keine Zwangsveranstaltung). Aber es hat auch Nachteile: Man arbeitet zunächst ohne Reality-Check, und das Feedback erhält man recht spät; meist, wenn der Antrag (denn auf solche läuft es ja immer hinaus) schon fertig ist. Manchmal frisst man sich auch fest und bekommt ein Thema nicht in den Griff. In einer idealen Welt würde die gesamte Partei in Themen-AGs vereint gemeinsam (und natürlich in perfekter Harmonie) an der Programmatik arbeiten, in der Realität muss es auch so gehen. Wir arbeiten an der Optimierung, um den thematischen Einzelgängern (zu denen manchmal auch ich gehöre, vor allem, wenn der nächste Programmparteitag droht) ein Podium zu bieten, auf dem sie ihre Ideen der hoffentlich begeisterten Basis vorstellen können, Das klappt noch nicht so wirklich, aber es gibt vielversprechende Ansätze.
Fazit: Wie gesagt, wir arbeiten daran.
Wir sind Piraten – Tag 2
Mitläufertum und Piratentreffen
Heute hatte ich wieder einen Mitläufertermin in einer dieser Anstalten, die früher mal Agentur für Arbeit und ganz früher Arbeitsamt hießen (als würden die sich jedes Mal umbenennen, wenn ihr Ansehen so richtig im Keller ist). Heute schimpft es sich Jobcenter. Der Kunde, den ich begleitete, gilt dort bereits als schwierig, da er auf seine gesetzlich verankerten Rechte pocht und diese auch noch kennt. Und weil er nie allein kommt, sondern immer mit Beistand. Das waren heute ein weiterer Mitläufer und ich. Es wurde bunt und komisch.
Wo endet Parteiarbeit?
Das ist für mich eine wichtige Frage, da ich natürlich nicht als Mitglied der Piratenpartei zum Jobcenter mitgehe, sondern als Privatperson. Andererseits war ich letztes Jahr als Vorsitzende öfter mal im Fernsehen oder in der Zeitung, also könnte es sein, dass mich ein Mitarbeiter wiedererkennt. Daher sage ich denen, die mich um Begleitung bitten, vorher immer Bescheid – damit es keine unliebsamen Überraschungen beim Termin gibt. Außerdem wäre ich ohne die Piraten wahrscheinlich nicht bei den Mitläufern gelandet. Ich halte HartzIV und die damit verbundene Drangsalierung der Zwangskunden für menschenverachtend und dringend überarbeitungswürdig, wofür die programmatische Arbeit bei den Piraten mein Bewusstsein geschärft hat. Die Grenze zwischen Parteiarbeit und “sonstiger ehrenamtlicher Tätigkeit” sind also fließend, auch wenn ich beim Amt meine Parteizugehörigkeit nur auf ausdrücklichen Wunsch des Zwangskunden erwähnte – wie ich überhaupt nur rede, wenn das auch gewollt ist. Doch das war es bis jetzt immer.
Zunächst wurden der andere Mitläufer und ich als “Betreuer” bezeichnet und nach unseren Ausweisen gefragt. Wir wiesen das von uns, denn Betreuer ist hierzulande eindeutig konnotiert – als eine Person, die die Geschäfte für jemanden führt, der das selbst nicht kann. Davon konnte in diesem Fall keine Rede sein, auch wenn die Sachbearbeiterin nicht lockerließ und uns fragte, ob wir einen Ausweis von der Diakonie oder ähnliches hätten. Da war ich (1,90 m, raspelkurze rote Haare, mehrere Piercings im Ohr und religionslos) fast schon beleidigt. Wie auch immer, die Dame vom Amt beharrte darauf, dass ein Gespräch so nicht möglich sei und verwies uns des Zimmers und an die Teamleiterin.
Es wäre übertrieben, zu behaupten, dass die Teamleiterin sich ein Loch in den Bauch freute, als sie uns sah, aber zumindest gestand sie uns zu, dass jemand zwei Personen als Beistand mitbringen könnte, die sich weder ausweisen noch ihren Namen nennen müssten. Allerdings verneinte die Dame, dass das Gespräch aufgrund der Beistandssituation abgebrochen wurde und beharrte darauf, “dass ein Gespräch aus anderen Gründen nicht möglich gewesen sei”. Welche Gründe das gewesen sein sollten, konnte sie nicht sagen, und als wir drei übereinstimmend den Gesprächsverlauf mit der ersten Sachbearbeiterin wiedergaben und dabei blieben, dass es zu dem eigentlichen Gespräch (Thema: Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt) gar nicht gekommen sei, wurde ein neuer Gesprächstermin avisiert. Diesmal mit Sachbearbeiterin, Teamleiterin, Kunde und uns beiden als Beistand. Wird bestimmt lustig. Zumindest wird es meinen Sinn für absurde Situationen bedienen, und das ist ja auch was Schönes.
Fazit: Wir brauchen in Hamburg dringend mehr Mitläufer und müssen die Idee bekannt machen.
Abends: Piratentreffen
Heute Abend hingegen wird es richtig piratig (sorry für das Wort). Es ist nämlich das wöchentliche Treffen in der LGS. Insider nennen es den Klassiker der gepflegten Langeweile, was den offiziellen Teil angeht. Und ich habe keine Lust. Also, so gar keine. Halb zieht mich das Sofa, halb sinke ich hin. Aber ich werde mich aufraffen. Der Flyer für den Aktionstag für Privatsphäre am 23. Februar schreibt sich nämlich nicht von allein, und ich brauche Input.
Das Piratentreffen ist eine Sache für sich. Wir brauchen den offiziellen Teil, bei dem Piraten von verschiedenen Aktivitäten im Landesverband berichten. Das sind vor allem Leute aus den Bezirken und Vertreter der Themen-AGs, aber auch Abgeordnete. Und Leute, die Aktionen vorbereiten. Das Treffen dient dazu, der mehr oder minder begeisterten Basis die momentanen Aktivitäten nahezubringen. Leider schleppt sich der offizielle Teil oft genug dahin, es gab verschiedene Versuche, ihn interessanter zu gestalten, aber bisher leider ohne Erfolg. Erschwerend kommt hinzu, dass die Aktiven eigentlich aus anderen Quellen wissen, was gerade los ist. Aber das Treffen wendet sich vor allem an Neulinge, Interessenten und Wiedereinsteiger und kann nicht gestrichen werden – dazu ist es zu wichtig. Wir arbeiten an einer Lösung – und das etwa seit drei Jahren.
Das Barcamp als Highlight
Da ich die Tendenz habe, böse zu werden, wenn ich mich langweile, hoffe ich auf den Bericht vom Barcamp. Das habe ich nur teilweise im Stream verfolgt, und ich erwarte Input für die Wahlkampfvorbereitung. In der Gruppe bin ich auch aktiv, mich reizt das Organisatorisch-Logistische. Und dass dort effektiv gearbeitet wird. Ich mag nämlich weder die dauernde Selbstbeschäftigung in der Partei noch die einhundertste Tool-Diskussion, die alles schöner, besser und größer machen soll und doch meist das Gegenteil bewirkt. Nicht falsch verstehen, ich halte unsere Tools für wichtig und nutze sie auch, sogar das Wiki, aber ich sehe auch, dass die Dauerbeschäftigung mit Struktur, Tool, Bla und Blu uns vom Wesentlichen abhält. Das Engagement in der Wahlkampfgruppe ist hingegend erfrischend realitätsnah, sachorientiert und effektiv, zumindest in Hamburg.
Fazit: Sachorientierte Arbeit hält wach und bringt die Partei mehr nach vorne als komische Slogans (“Neustart”) oder die manchmal fast schon messianisch zu nennende Hoffnung, dass ein neues Tool es reißen wird.
Wir sind Piraten – Tag 1
Moin aus Hamburg!
Wer bin ich? Und wie viele?
Landesverband vs. Bezirk?
Multitasking für Piraten
Piratenarbeit am Montag
Piratenerkenntis des Tages
Hallo, Lokalpolitik! oder: Das lustige Leben im Bezirk
Nach meinem Jahr als Landesvorsitzende kandidierte ich nicht wieder, um mich als Basisgurke einzubringen. Das klappte nicht so richtig. Denn nun bin ich Bezirkspilz. Doch der Reihe nach.
Über das letzte Parteijahr, das bis November 2012 dauerte, kann ich nichts Schlechtes über den LV Hamburg sagen. Keine Shitstorms, kein sexistischer Bullshit, den ich mir anhören musste. Privat sah das anders aus, eine große persönliche Krise warf mich ziemlich aus der Bahn und zwang mich nicht nur aus praktischen Gründen in eine Auszeit. Mein Partner half mir privat, mein damaliger Stellvertreter, der jetzige Landesvorsitzende, Thomas Michel, half mir in der Partei über diese schwierige Zeit hinweg, und beiden bin ich sehr, sehr dankbar dafür.
Während dieses Jahres habe ich nebenbei geholfen, den späteren Bezirksverband Eimsbüttel aufzubauen, der am 1. Dezember gegründet wurde. Man nominierte mich, dort Vorsitzende zu sein, und ich habe angenommen und wurde sogar gewählt. Ich habe die Nominierung angenommen, weil es deutlich überschaubarer ist als ein Landesvorsitz, und dann auch, weil man von niemandem verlangen kann, Verantwortung zu übernehmen, wenn man selbst nicht dazu bereit ist.
Nun also Bezirk. Eigentlich war ich eher den Landes- und Bundesthemen verpflichtet, aber ich bin auch überzeugt, dass wir Untergliederungen brauchen, wenn wir bestehen wollen. Aber diese Untergliederungen müssen auch, bitte, vernünftig hochgezogen und organisiert werden, denn sonst ist es peinlich. Die Menschen, die dort leben, wo gewählt wird, wollen nicht nur “irgendwas im Internet” sehen, sondern auch die Menschen, die vor Ort für die Partei tätig sind. Sie wollen sehen, dass man dort willens ist, gestaltend tätig zu werden, wo man lebt.
Der Bezirk hat noch einen anderen Vorteil: Es läuft momentan nicht rund in der Partei, und auch nicht in Hamburg. Zu viel Selbstbeschäftigung, zu viel Struktur-Blabla, zu wenig Fokussierung auf das Wesentliche. Dinge werden begonnen und liegengelassen, wenn es anderswo bunter ist – im Vertrauen auf ein Räumkommando, das es dann schon richten wird. Neue Arbeitsgemeinschaften werden ins Leben gerufen, die dann alles mögliche machen, sich aber vor allem auf irgendwelchen Nebenschauplätzen ergehen. Hamburg ist ein Stadtstaat, und da treten Probleme vielleicht deutlicher zutage als anderswo:
Es gibt nicht nur die falsche Art der Professionalisierung, sondern auch die falsche Art der Unprofessionalität
Von beiden haben wir momentan einfach zu viel, während die, die zielführend und fokussiert arbeiten wollen, mit Selbstbeschäftigung, der zum hundertsten Mal gestellten und schon neunundneunzig Mal abschlägig beschiedenen Strukturfrage drangsaliert werden. Es ist schwierig, sich gegen diese Tendenzen zu stemmen, wenn man nicht immer die Einzige sein will, die meckert. Dann überlegt man es sich zweimal, bevor man etwas sagt und geht im Zweifelsfall einfach weg. Nur wenn es so gar nicht mehr geht, also wirklich nicht mehr, versucht man, gegenzusteuern. Der Erfolg ist ungewiss, der Burnout schaut auch schon mal um die Ecke. Daher auch mein Rückzug in die Bereiche, wo Gleichgesinnte abseits des “wir sind doch alle Piraten, nech?”-Gewabers und der sinnfreien Vernetzungsbestrebungen stringent an Inhalten und Strukturen arbeiten. Und einer dieser Bereiche ist der Bezirk. Ich habe nämlich nichts gegen Arbeit, sie sollte nur wenigstens halbwegs sinnvoll sein.
Eimsbüttel hat ein tolles Team, das sich einig ist und wo die Diskussionskultur konstruktiv und offen ist. Im Kleinen, mit Leuten, die an einem Strang ziehen und dasselbe wollen, ist das einfacher als in einer größeren Gruppe, wo es nicht immer so eindeutig ist, wer was will und wer welche Ziele verfolgt – und welche verschlungenen Pfade nebst Umleitungen und Sackgassen er damit beschreitet.
Die Bezirksarbeit hat auch ihre Tücken. Man muss aufpassen, sich nicht im Klein-Klein der Straßenverläufe und lokalen Bauvorhaben zu verlieren, die oft genug die Bezirkspolitik bestimmen. Man muss sich natürlich damit beschäftigen und sich zu einzelnen Punkten seine Meinung bilden. Aber das muss auf eine Weise geschehen, bei der unsere Kernthemen, das, was uns als Partei ausmacht, nicht zu kurz kommen. Sonst werden wir auf Bezirksebene eine Art Intitiativensprachrohr mit Parteihintergrund, und das ist nicht, was wir sein sollten. Daher haben die Eimsbütteler Piraten beschlossen, unsere Kernthemen gezielt im Bezirk bekannt zu machen, zusätzlich zu dem, was noch Parteiprogramm ist. Und natürlich unsere Werte und das Menschenbild, das wir pflegen. Auf authentische Art und Weise, ohne Politiker-Blabla und ohne uns mit der Frage zu foltern, ob wir so auch stomlinienförmig genug sind, um eine große Masse von Menschen anzusprechen. Das ist nicht immer einfach, aber wir haben mit unserer Homepage begonnen, wo wir eine Artikelserie zu unseren Kernthemen herausbringen und diese auf hoffentlich halbwegs unterhaltsame Weise dem Leser vermitteln.
Vor allem dürfen wir nie in den Fehler verfallen, den Leuten zu erzählen, was sie hören wollen. Dafür wählt uns kein Mensch, das gibt es schon mehrfach, und so bringen wir vor allem unsere Anliegen nicht voran.
Daneben behalte ich aus Überzeugung meine Verwurzelung im Landesverband, wo ich in Themen-AGs und in der Pressegruppe tätig bin. Das ist mir wichtig, und das möchte ich auch nicht aufgeben, egal, wie sehr manches dort momentan nervt. Also versuche ich den Spagat im Spannungsfeld von Bezirk und LV und sehe, ob es gutgeht.
Aber es ist schon schön und erholsam, sich ab und zu mal in den Bezirk zurückzuziehen, wo es einfach läuft, wo die Piratenidee noch funktioniert. Es ist meine ganz persönliche Oase, die zwar recht arbeitsintensiv ist, aber auch ansonsten stressfrei.
Die Homepage des Bezirksverbands der Piraten Eimsbüttel – unser Fenster nach außen und unser momentan größter Werbeträger.
Meine Lehre aus der Niedersachsenwahl
Nein, ich werde nicht schreiben, wer was falsch gemacht hat oder besser hätte machen können oder sollen. Ich werde nicht die Medien beschuldigen, nicht den Bundesvorstand und auch nicht die Shitstormer, die alles in der Öffentlichkeit aufblasen, bis die Scheiße den Ventilator trifft. Aber ich ziehe meine ganz persönlichen Lehren aus dem Wahlergebnis, das ich weder schön- noch schlechtrede. Es ist, wie es ist, und wir können es nicht ändern. Und es ist egal, ob wir einen neuen Bundesvorstand, neue Landesvorstände oder gleich eine neue Basis wählen, wenn wir nicht endlich lernen, uns zu fokussieren.
Man kann immer nur bei sich selbst anfangen. Überlegen, was man in Zukunft besser machen kann. Und da habe ich folgende Beschlüsse gefasst. Zustimmung: 100%, wahlberechtigt: 1
- ich werde mich aus allen Gruppen zurückziehen, die sich vor allem mit sich selbst beschäftigen
- ich werde mich überall dort zurückziehen, wo man sich exzessiv in Strukturfragen ergeht
- ich werde mich an Strukturdiskussionen beteiligen, wo es sinnvoll ist. Alle anderen: Geht kacken oifm jam.
- ich werde meine Arbeitskraft denen zur Verfügung stellen, die ernsthaft daran arbeiten, dass wir wieder wir selbst werden, ohne sonstiges Eiti-Teiti
- ich werde jeden, der ernsthaft arbeitet, nach besten Kräften unterstützen, ihm den Rücken freihalten und ihn gegen Angriffe verteidigen
- ich werde meinen Bezirksverband, Hamburg-Eimsbüttel, dessen Mitglieder mir ihr Vertrauen aussprachen, indem sie mich zur Vorsitzenden nominierten und sogar wählten, bekanntmachen und inhaltlich nach vorne bringen.
- ich werde mir den Vertrauensvorschuss, den mir die Eimsbütteler gewährten, indem sie mich zu ihrer Bundestagswahlkreiskandidatin nominierten, verdienen. Ich habe keine Chance, den Wahlkreis zu holen, aber ich werde so tun, als hätte ich eine.
- ich werde mein Talent, Inhalte halbwegs verständlich und manchmal unterhaltsam aufzubereiten, dazu verwenden, nicht nur das Programm, sondern unsere Werte und Ziele, dafür, wofür wir stehen, bekannt zu machen, als Textarbeiterin und auf der Straße.
- ich werde für die Landesliste kandidieren und, unabhängig von der Platzierung, Wahlkampf betreiben
Mehr habe ich zu dem Thema nicht zu sagen.
Causa Johannes?
Viel wird über Johannes Ponader, den politischen Geschäftsführer der Piratenpartei Deutschland, momentan geschrieben. Zuletzt äußerte sich der Bundesvorsitzende gar im Spiegel zu seinem Mitvorstand. Die neuerliche Eskalation des dauerschwelenden Langzeitkonflikts ist eigentlich eine Geschichte von Fehlentwicklungen.
Sicherlich ist die Außenwirkung von Johannes Ponader nicht ganz unproblematisch und durchaus kritikwürdig. Viele fanden seine Absage an das menschenverachtende System HartzIV durchaus begrüßenswert, bemängelten jedoch, dass er seine eigene Person medial in den Vordergrund stellte. Dabei fallen ein paar Sachverhalte unter den Tisch.
Betrachten wir zunächst den Komplex HartzIV
- Es wurde kritisiert, dass ein Mitglied des Bundesvorstands HartzIV empfängt. Es ist anzunehmen, dass die Piraten, die sich an dieser Tatsache von Anfang an störten, Johannes Ponader nicht gewählt haben. Da er jedoch mit einem sehr überzeugenden Ergebnis gewählt wurde, scheint dies vom Kandidaten klar kommunizierte Detail für die meisten kein Ausschlusskriterium für ein Parteiamt zu sein. Immerhin setzen wir uns für bedingungslose gesellschaftliche Teilhabe ein – und dazu gehören auch politische Aktivitäten.
- Johannes Ponader ist Theaterschauspieler und Theaterpädagoge. Es ist hinlänglich bekannt, dass Leute aus dieser Branche immer mal wieder HartzIV beziehen, nämlich dann, wenn die Pause zwischen zwei Engagements zu lang wird. Dies trifft auch für “beliebte Volksschauspieler” oder solche zu, die “bekannt aus Funk und Fernsehen” sind – und eben auch auf Johannes Ponader.
- Dass Johannes die Diskussion um HartzIV nicht auf eine gesamtgesellschaftliche Ebene hob und sie somit von seiner Person löste, mag ein Versäumnis sein, das die Partei bzw. ihr Vorstand hätte korrigieren können.
- HartzIV ist ein menschenunwürdiges System, das Bürgerrechte einschränkt und von der falschen Prämisse ausgeht, dass es genug Arbeitsplätze für alle gibt, wenn sich alle nur ein wenig mehr bemühen würden. Das ist jedoch nicht der Fall. Es wird nie wieder Arbeitsplätze für alle geben, weder hier noch weltweit. Auch Bildung und Qualifikation wird in Zukunft kein Garant für einen Arbeitsplatz sein, wenn der Arbeitsmarkt selbst sich nicht weiterentwickelt und den veränderten Gegebenheiten anpasst. Anstatt an dem System herumzudoktorn und ein totes Pferd weit über die Ziellinie hinaus zu reiten, ist es notwendig, nun alternative Möglichkeiten auszuloten und unser Sozialsystem und den Arbeitsmarkt neu zu überdenken. Das gilt auch gleich für das unterentwickelte System der Freiberuflichkeit, die für immer mehr Menschen (prekärer) Standard wird.
- Die Piraten sehen die momentan vielversprechendste Alternative zu einem dysfunktionalen Sozialsystem im Bedingungslosen Grundeinkommen, für das sie eine gesamtgesellschaftliche Diskussion anstoßen wollen. Dies würde nicht nur das Sozialwesen, sondern auch den Arbeitsmarkt revolutionieren, und beide bedürfen dringend einer Anpassung an die realen Gegebenheiten. Diese kann und darf nicht bedeuten, einen relevanten Prozentsatz der Bevölkerung aus der Gesellschaft zu entlassen. Die Entscheidung, nun Sebastian Nerz mehr öffentliche Termine wahrnehmen zu lassen, kann für die Piraten auch nicht die Lösung sein, da dieser nicht der Richtige ist, um eine solche Diskussion anzustoßen und außerdem wegen seiner Äußerungen ebenfalls heftig in der Kritik stand, als er noch Bundesvorsitzender war.
Die Reaktion des Gesamtvorstands
- Wenn man von den Verwaltungspiraten absieht, deren Arbeit man erst dann sieht, wenn sie sie nicht mehr tun, haben wir öffentlich mehr oder weniger glücklich agierende Vorstandsmitglieder
- Johannes Ponader ist als politischer Geschäftsführer auch für die Außendarstellung des Programms zuständig. Wenn seine Art der Präsentation unserer Inhalte keinen Anklang findet, so wäre es Sache seiner Kollegen, ein anderes Bild von unseren Inhalten zu zeichnen, bevor man sich in einer mehr oder weniger öffentlichen Diskussion gegenseitig zerfleischt.
- Ponaders Thematisierung der Hartz-IV-Problematik ist zu einseitig und zu sehr an seiner Person aufgehängt? Na, dann haut mal rein, Mädels, und stellt eine alternative Sicht der Piraten zu diesem Komplex öffentlich zur Diskussion. Das tun viele Piraten schon auf Kommunal- oder Landesebene, aber denen fehlt die Kraft des Bundesvorstands. Das Herumgestocher am Rentensystem wäre ein dankbares Thema, das man leicht von prekären Verhältnissen im Alter auf prekäre Verhältnisse unabhängig vom Lebensabschnitt heben könnte, und das auf denkbar einfache Weise. So könnte man einen Schritt zum Anstoßen einer gesamtgesellschaftlichen Diskussion tun UND eine ungünstige Außenwirkung eines Vorstandsmitglieds korrigieren, das unter solchen Umständen vielleicht sogar in die Zwangsgemeinschaft Bundesvorstand auf konstruktive Weise erneut eingebunden werden könnte. Aber das wären ja gleich drei Dinge auf einmal.
Ansonsten bleibt nur, den Bundesvorstand bis auf weiteres zu ignorieren (die Hamburger Piraten blicken da auf langjährige Erfahrung zurück) und zu hoffen, dass die Selbstbeschäftigung auf höchster Ebene bald ein Ende hat, damit wir beim ersten Parteitag 2013 wirklich das Programm erweitern können und nicht einen neuen Vorstand wählen müssen.
Die Basis und die Vorstände der niederen Gliederungen dürfen nämlich erwarten, dass ihre Oberpiraten wenigstens einigermaßen als Team funktionieren. Das müssen wir schließlich auch.
Mein Wunschrundfunk
Ich male jetzt mal ein Traumbild, von meinem Traumrundfunk. Es ist äußerst unwahrscheinlich, ein Traum halt, aber man darf ja hoffen:
- Er kostet Gebühren, die wie eine Steuer eingezogen werden.
- Er produziert nur für die Creative Commons Lizenz (oder eine andere mit gleicher Wirkung).
- Er kauft nur Inhalte ein, die diese Lizenz haben.
- Er sendet nicht nur auf den üblichen Kanälen sondern eben auch im Internet
- Seine Inhalte sind transparent archiviert und stehen auf Dauer der Allgemeinheit zur Verfügung
- Er ist wirklich unabhängig, da nicht werbefinanziert und die Gebührenhöhe nach einer transparenten Formel ohne Einmischung der Politik bestimmt wird.
- Der Auftrag für den Traumrundfunk wurde so definiert, dass er Technik transzendiert, und ist daher zukunftsicher
- Ein basisdemokratisch gewählter Aufsichtsrat wacht über die Unabhängigkeit.
Piratenbräute…
Markus Kompa hat es gleichzeitig verstanden und nicht verstanden:
Wenn also bei den Piraten absehbar keine Quote kommen wird, stellt sich die Frage nach Alternativen, um Bewerberinnen zu ermutigen. Mit welchen anderen Maßnahmen ein frauenfreundlicheres Klima erzeugt werden könnte, weiß ich leider auch nicht.
Die Frauenquote ist, wie er ganz richtig erkennt, ein Mittel ein frauenfreundliches Klima zu schaffen. Und dagegen verwehren sich viele Piraten vollkommen zurecht. Denn es geht nicht darum, ein <hier beliebiges Merkmal einsetzen>-freundliches Klima zu schaffen, sondern ein Klima zu schaffen, in dem sich keine Gruppe über Gebühr benachteiligt fühlen muss.
Das ist es denn auch, was ich mit „hat es verstanden“ meine, den er setzt folgenden Satz direkt hinter die obige Aussage:
Man könnte aber wenigstens die hausgemachten Probleme angehen und auf Entgleisungen, wie man sie bisweilen leider beobachten muss, sensibler und entschiedener reagieren.
Genau. Wir müssen auf die Einzelfälle reagieren und Leuten, die andere ausgrenzen oder niedermachen wollen entschieden entgegentreten. Da bin ich sofort für. Aber pauschal die paar die in unserer Partei gar nicht mal so wenig vorhandenen Frauen in den Vordergrund zu schieben, nur damit die über das Vehikel Posten besser sichtbar sind, das hilft niemanden auf Dauer.
Gesetze…
Seit einigen Tagen geht mir ein Gedanke durch den Kopf. Jens Seipenbusch hat offensichtlich ähnliche, denn er fragt im Zeit-Gespräch mit Jan Hegemann:
Warum haben Jugendliche kaum Skrupel, Filesharing zu machen, aber erhebliche, im Laden zu klauen?
Die beiden diskutieren da auf hohem Niveau aneinander vorbei, und im Grunde berühren sie den Gedanken, nur am Rande, aber das Ganze ist schon lesenswert.
Aber diese eine Frage, die legt den Finger in die Wunde. Die Wunde, von der ich spreche ist die Diskrepanz zwischen dem, was von einem signifikanten Teil der Gesellschaft als legitim angesehen wird, und dem, was legal ist.
Unsere Gesetze sind ja nicht Selbstzweck, sondern der in Paragraphen gegossene Konsens darüber, wie wir als Gesellschaft funktionieren wollen. Wir wollen nicht, dass man uns verletzt oder umbringt, daher stellen wir das unter Strafe. Wir finden nichts dabei, wenn sich Leute morgens ein Brötchen schmieren, also ist das erlaubt. Da wir nicht bei jeder Handlung des täglichen Lebens mit Polizisten, Anwälten und Richtern zu tun haben wollen, sind all diese Gesetze für den Ausnahmefall da, wo wir uns nicht sofort einig sind.
Gesetze sind quasi die Notbremse, die wir ziehen, wenn das normale Miteinander in der Gesellschaft aus irgendeinem Grund gerade nicht funktioniert. Normalerweise gehe ich in den Garten, stelle den Grill auf und mache mir etwas zu essen. Dabei berücksichtige ich nach Möglichkeit, dass der Rauch nicht in das Schlafzimmer meiner Nachbarn zieht. Das mache ich, auch ohne dafür das korrekte Gesetz zitieren zu können, weil das einfach so Konsens ist. „Das macht man so“.
Problematisch wird es, wenn der kodifizierte, in Gesetze gegossene Konsens von dem Empfinden der Menschen abweicht. Irgendwann haben wir zum Beispiel aufgehört, Ehebruch unter Strafe zu stellen, bis das aber soweit war, gab es viele Konflikte. Der Konsum von „weichen“ Drogen ist auch so ein Fall, wo wir gerade mitten im Umbruch sind.
Und der ganze Themenkomplex Urheberrecht eben auch. Da gibt es ganz offensichtlich einen tiefen Bruch im „Gerechtigkeitsempfinden“. Diesen jetzt mit dem Verweis auf die Gesetzeslage wegwischen zu wollen hilft niemanden. Denn das Problem ist ein soziales, wir haben einen fehlenden Konsens darüber, was gerecht ist. Diesen Konsens müssen wir wieder herstellen, ansonsten ist jedes Gesetzesvorhaben von vornherein gescheitert.
Christen in der Piratenpartei?
Was so gerade bei mir vorbeischwimmt: Christen in der Piratenpartei.
Mein erster Gedanke war „WTF?“. Mein zweiter war: „je nu, wenn das ihr Glaube ist, dann kann und will ich denen den nicht verbieten.“ Vor dem dritten und vierten Gedanken las ich dann erst einmal deren Manifest. Dort findet sich, verpackt in einigen Anrufungen von Jesus und Gott, klare Bekenntnisse zu einer Trennung von Kirche und Staat, eine Anerkennung anderer Religionen und auch ansonsten piratische Positionen.
Insofern mag ich nichts tiefer Verwerfliches dort finden, dennoch bleibt ein gewisses Magengrummeln: Ich bin Atheist, und die wiederholten nahezu lobpreisenden Verweise auf Jesus Christus sind mir in meinem politischen Klub doch eher suspekt.
Einen Shitstorm möchte ich hier auf keinen Fall aufziehen sehen. Die Vertreter dieser Initiative scheinen mir zu zivilisiert aufzutreten, als dass sie das verdient hätten, auch wenn mir das Adjektiv „postsäkular“, dass sie im Wikieintrag unserer Gesellschaft anhängen wollen, nicht ganz schmeckt.
Dennoch: Die Idee eines aktiven Zusammenschluss von Religiösen (egal welcher Religion) innerhalb der Piratenpartei zum Zwecke, die Ansichten dieser Religion irgendwie in Position zu Parteientscheidungen zu bringen halte ich für ganz schlecht. Ich werde keine Entscheidung mittragen können, die an irgendeiner Stelle mit „Religion $Foo sagt. das soll man so machen“ begründet wird. Entweder wir finden für einen Standpunkt komplett religionsfreie Argumente, oder wir können ihn nicht vertreten, Punkt.
Das bedeutet natürlich nicht, dass eine irgendwie geartete Diskriminierung religiöser Piraten toleriert werden soll. Aber religiöse Argumente haben in der Partei nichts zu suchen. Daher, liebe Anhänger jeglicher Religion in meiner Partei: Glaubt was Ihr wollt. Aber bittte, macht Politik so, als wenn Ihr Atheisten wäret. Denn wenn Euch das nicht gelingt, werden Eure Vorschläge unweigerlich an irgendeiner Stelle mit einer anderen Religion oder Weltanschauung kollidieren.
Über den Umgang mit politischen Gegnern
Mir platzt gerade wieder der Kragen, wie sich bei Google+ die beiden Seiten der Diskussion polemisch beharken, ohne auch nur in die Nähe eines gegenseitigen Verständnisses zu kommen.
Liebe Urheberrechtsgegner,
bitte denkt stets daran, dass es den Autoren, Musikern, Verlagen, etcpp. um die Wurst geht. Wenn Ihr sagt „Urheberrecht muss komplett weg!!11einself“, dann stehen die erstmal gefühlt vor dem Nichts. Jaja, da gibt es zig Möglichkeiten doch Geld zu verdienen, und die sollen sich mal nicht so haben, sagt Ihr jetzt. Aber diese Möglichkeiten haben die noch nicht ausprobiert. Das ist terra incognita für die meisten Leute. Und dementsprechend geht es für sie um nichts weniger als deren Existenz.
Und davor haben sie Angst. Vollkommen berechtigt. Denn wenn Du ein Lied herunterlädst, dass Du sonst nicht gekauft hättest, dann hat der Musiker eigentlich keinen Verlust — aber was, wenn das alle machen? „Machen sie nicht!“ sagst Du jetzt. „Aber was wenn doch?“ fragt sich der Musiker. Und hat Angst. Und wer Angst hat, mit dem kann man kaum noch rational verhandeln. Also, seid nett zu ihnen, nutzt keine Kampfbegriffe wie „Mafia“, „Parasit“ oder ähnlichen Kram. Wir möchten, dass all diese Leute irgendwann auch auf unserer Seite stehen, und das bekommen wir nicht hin, wenn wir sie beschimpfen.
Liebe Urheberrechtsinhaber und –verwerter,
wir wollen Euch nichts böses. Wirklich nicht. Ich mag Filme, Bücher und Musik, und ich gebe gerne Geld dafür aus, damit ich mehr davon bekomme.
Um Grunde geht es bei der ganzen Sache nur um eines: Das verlustfreie Kopieren und quasi kostenlose Verbreiten von Informationen wird nicht weggehen. Egal ob legal oder illegal. Da ist (traurigerweise) auch bei der Masse der Leute kaum Unrechtsbewusstsein. Aus deren Sicht verursachen sie nämlich minimalen Schaden, wenn überhaupt. Schließlich hätten sie ja „die CD oder den Film gar nicht gekauft“, sagen sie. Und lügen wahrscheinlich nicht mal.
Aber ich verstehe Eure Angst. Denn in Summe sieht das ganz bedrohlich aus. Aber wenn sich jemand nicht im Unrecht sieht, und man ihn dafür beschimpft und überwacht und mit drakonischen Strafen überzieht oder auch nur bedroht, die für den Bestraften in keinstem Verhältnis zu dem verursachten Schaden stehen, dann werdet Ihr auch keine Sympathien gewinnen.
Nochmal: Das mit dem Kopieren, das geht nicht weg. Der einziger Weg, das wegzubekommen ist über eine vollständige Kontrolle aller Kommunikationswege und aller Computer. Glaubt mir das jetzt einfach mal, das geht nicht, ohne dass wir einen kolossalen Kollateralschaden hätten. Und wenn wir bei der Überwachung nicht so weit gehen, dann sind die Lücken für die Freunde des freien Kopierens mindestens so groß wie Scheunentore, und nichts ist gewonnen.
Also muss eine Lösung her. Eine Lösung, bei der Leute frei kopieren, ohne dass dabei massenweise Gesetze folgenlos gebrochen werden — denn Gesetze, die keiner befolgt und deren Bruch niemand ahndet unterhöhlen das Staatswesen. (Und das konsequente Ahnden dieser Gesetze geht, wie ich eben ausführte, geradewegs dahin, wo wir nicht hinwollen.)
Die Piratenpartei hat, meines Wissens als erste Partei überhaupt, angefangen dazu pragmatische Lösungen zu entwickeln. Klar, diese Lösungen sehen ziemlich erschreckend aus Eurer Sicht aus. Sind sie wohl auch. Aber: Jetzt dafür den Boten der Nachricht zu beschimpfen ist nicht hilfreich. Helft uns doch lieber, eine bessere Lösung zu entwickeln. Oder redet mit irgendeiner anderen Partei Eures Vertrauens, und entwickelt mit der eine bessere Lösung.
Nur behaltet eines dabei im Kopf: Das Kopieren geht nicht weg, es sei denn Ihr errichtet eine lückenlose Überwachungsinfrastruktur. Und wenn das Eure Lösung ist, dann muss ich Euch doch die Freundschaft kündigen.
PS: Es gibt da noch einen Nebenkriegsschauplatz. Die Sache mit dem Remix, Mashup, Coverversion, Zitat, Bearbeitung, wie-auch-immer. Da geht es darum, dass sich weite Teile unserer Kultur eben mit solchen Dingen mehr oder weniger beschäftigt, und wir dafür einen sinnvollen rechtlichen Rahmen finden müssen. Das ist an sich auch ein weites und schwieriges Feld, aber auch ein anderes als die Sache mit dem Kopieren.
Reicht’s jetzt?
Marina Weisband rantet ein wenig und fordert alle Piraten auf, eine Distanzierung zu unterzeichnen:
Ich fordere dazu auf, dass jeder Pirat sich deutlich, ohne Relativierung, distanziert von
– Rassismus
– Nationalsozialismus
– Geschichtsrevisionismus
– Antisemitismus
– Islamophobie
– Homophobie
– Sexismus
– und jedem weiteren Weltbild, das Menschengruppen ausgrenzt oder verachtet, wegen Dingen, für die sie nichts können.
Hmpf.
Warum „Hmpf“ fragt Ihr? Da könnte ich doch gar nichts gegen haben. Bin ich etwa auch so ein elender Relativierer? Nein bin ich nicht. Ich spreche mich gerne, aus Überzeugung und mit vollem Herzen gegen all die genannten Dinge aus. Allerdings bin ich es gründlich satt, dass man anscheinend ohne permanente und laute und möglichst markige Distanzierung ständig latent in irgendeine Ecke gestellt wird.
Ehrlich, das nervt hochgradig und ist in keinster Weise zielführend. Das ist auch der Grund, warum ich, trotz meiner Hochachtung vor dem Engagement und dem Mut der Antifa-Bewegung, mit dieser nichts anfangen kann.
Und jetzt konstruktiv: Wir führen bei der Mitgliederaufnahme keinen Gesinnungstest durch. Und ich hoffe, wir werden das auch nie tun. Ebenso hoffe ich, dass unsere Partei kein Mobbing duldet, und Leute nicht einfach rauskrakeelt, nur weil die mal „was dummes“ sagen oder gesagt haben.
Was bei der Preispolitik von Buchverlagen schiefläuft…
Nach der kürzlichen G+-Diskussion unter anderen mit Andreas Eschbach, hatte ich überlegt, mir doch mal wieder eines seiner Bücher zu kaufen. König für Deutschland kenne ich noch nicht, und das Sujet liegt mir ja nahe.
Und schaute dann zuerst mal bei Amazon, was denn so die Kindle-Edition kostet. Hm, 1,50 mehr, als ich für ein so-gut-wie-neues Buch bezahlen müsste, und 1,50 weniger, als ich für das jetzt-wirklich-neue Buch hinlegen soll.
Gut, die Kindle-Ausgabe bekomme ich jetzt-und-sofort, aber am Ende des Tages erscheint der Preis für „nur eine Lizenz“ doch nicht in Relation zum realen Produkt. Und da ich ja echte Bücher auch schon von der Haptik und dem praktischen Nutzen als Behaglichkeitsbaustein im Wohnzimmer mag, tendiere ich in solchen Situationen häufig zur Totholzausgabe.
Nicht zuletzt, weil ich diese spontan einem Freund ausleihen kann.
Aber man soll ja nicht immer zum US-basierten Giganten gehen, also schaute ich noch einmal bei Libri.de vorbei (die Sache mit der Buchpreisbindung auf e-Books hatte ich gerade mal vergessen).
Netterweise zeigt Libri bei der Suche nach dem Titel auch gleich ganz andere Medien, wie zum Beispiel MP3s an. Dieses ist nicht ganz so gut bewertet, wie die anderen Ausgaben, aber eines fällt auf: Das Produkt, das im Vergleich zum „rohen“ Buchtext noch einiges an Extraarbeit erzeugt (Nachbearbeitung, Text kürzen, Sprecher, Regisseur, etc.) kostet am wenigsten! Nochmal 1,50 billiger!
Fragt mich nicht, welche Version ich am Ende kaufen werde, aber von der Preispolitik bin ich jetzt wirklich komplett verwirrt.
Gefahren der sozialen Netzwerke
Hanno weist Isotopp darauf hin, dass man ja noch gar nicht absehen könne, welche Gefahren diese Datensammlungen bergen. Isotopp antwortet, dass er bislang keinerlei messbare Gefährdung oder gar Nachteile ausmachen könne, dafür aber jede Menge Vorteile. Und dass die Gefahren auszumerzen in ein Bürokratiemonster ausarten würde.
Wie so häufig, wenn sich nicht-depperte Menschen unterhalten, haben beide Recht. Hanno schaut sich die Gesamtgefährdung an. Da sind Daten, die sind irgendwo gespeichert, und irgendwann könnten sie mal gefährlich werden. Isotopp schaut sich die verarbeitende Stelle an. Die tun offensichtlich gerade gar nix böses mit den Daten, und wenn doch, (das schreibt er aber nicht explizit) dann kann man denen auf die Finger hauen.
Und hier ist das Kommunikationsproblem: Hanno schaut sich alle Stellen an, und unterstellt, dass diese im Zweifel gemeinsam bösartig agieren. Das tun sie aber im seltensten Falle. Und wenn wir unseren Staat (der ja die regulierende Stelle ist) beipulen, Datenschutz für seine eigenen Tätigkeiten ernst zu nehmen, dann können wir mehr oder weniger beruhigt den nicht-staatlichen Akteuren hin und wieder Datenbrocken überlassen, da wir im Zweifel mit dem Staat als Hebel diese Akteure in den Griff kriegen können.
Und das ist die Quintessenz: Die deutschen Datenschützer und Aluhüte kämpfen gegen den falschen Feind. Facebook, Google und Co. sollten uns nicht egal sein, aber das ist im Endeffekt ein Nebenschauplatz. Wir müssen dafür sorgen, dass der Staat unsere Interessen wahrnimmt, und gar nicht erst versuchen will, Daten gegen uns zu verwenden.
Leute gibt’s, die gibt’s nicht…
Eine Diskussion auf der HHer Piratenmailingliste ließ mich mal wieder zur strategischen Popcorn-Reserve greifen. Da kommt einer daher, und fragt, wie man denn ein Projekt in Gang setzen würde. Ob man dafür eine AG gründen müsse, wie man Leute mit einbezieht und so weiter.
Man verweist den augenscheinlich hoffnungsvollen Neuling auf die zahlreichen Möglichkeiten wie Stammtisch, die Mailingliste, das Wiki und all das und fragt natürlich auch nach, was das denn für ein Projekt sei.
Das ginge nicht, weil das doch sehr umfangreich und kompliziert sei, und daher nur schwer schriftlich zu erklären. Und außerdem hätte er gerne die Garantie, dass sein Name quasi auf Ewig als Initiator dieses (anscheinend sehr epischen) Projektes in Erinnerung bliebe. Also, dass irgendwie sichergestellt würde, dass man stets das Projekt und ihn in einem Atemzug nennen würde. Auch der dezente Hinweis, wie toll das für die Herren Hartz und Riester funktioniert hätte ließ ihn nicht davon abbringen.
Das Ganze scheint derzeit übrigens damit zu enden, dass aufgrund der fehlenden Bereitschaft solche Garantien abzugeben, die Piraten eben doch ehrloses Gesindel seien, da ja anscheinend jede tolle Idee hier einfach „geguttenbergt“ wird. Es gehe ihm eben wirklich sowohl darum, das Projekt umzusetzen, als auch sich selbst zu profilieren. Die Partei in der das dann stattfindet sei ihm dann auch eigentlich egal.
Way to make friends!
Musterflächenplan für Schulen in Hamburg
Der ist mir gerade zugespielt worden. Viel bürokratisches Foo in dem ausgerechnet wird, wie viel Platz so eine Schule eigentlich braucht. Also, in Quadratmetern pro Schüler. Im Grunde ganz ordentliche Arbeit und sicherlich hilfreich um Schulgrößen zu planen.
Was mir allerdings aufstößt ist das hier:
Bei der Ausstattung und Flächenplanung ist zu berücksichtigen, dass die neuen naturwissenschaftlichen Rahmenpläne ausdrücklich einen höheren Anteil experimenteller Schülerarbeit vorsehen. Der damit an sich notwendige größere Flächenanteil für naturwissenschaftliche Räume kann jedoch kompensiert werden:
a) durch das Ersetzen eines Teils dieser Experimente durch moderne interaktive Computersimulationen und
b) durch die Nutzung der Allgemeinen Unterrichtsräume für einen Teil des naturwissenschaftlichen Unterrichts wie die theoretische Vor– und Nachbereitung von Experimenten und deren Simulation am Computer. Somit würde sich die Anzahl flexibel von der Schule einsetzbarer Module erhöhen und zugleich die Einrichtung zusätzlicher teurer und nur begrenzt nutzbarer Fachräume auf das notwendige Minimum beschränken.
c) Entlastung bringt der Ganztagsschulbetrieb. Naturwissenschaftliche Räume können in der Regel zu 80 % eines Schultages tatsächlich belegt werden. Es wird daher von einer durchschnittlichen Belegung von mindestens 30 Wochenstunden ausgegangen.
So wird es trotz vermehrten Einsatzes von Experimenten im naturwissenschaftlichen Unterricht keine größeren Flächen in diesem Bereich geben müssen.
Klartext: Die Schüler sollen mehr Computer in der Schule nutzen (yay!), mehr Experimente in den Naturwisschenschaften gezeigt bekommen (yay!!), letztere sollen aber immer mehr als Computersimulation laufen, damit man Geld spart.
Wie meinen?
Ich bin ja vollkommen für Computernutzung. Aber naturwissenschaftliche Experimente sollten meiner Ansicht nach so weit wie irgendwie möglich direkt am Objekt durchgeführt werden. Schon damit man mal Gewichte in die Hand nehmen kann, und ein Gefühl für die Dinge entwickeln kann.
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